Für ihre eindringlichen Worte bekam Tova Friedman minutenlangen Applaus. Am Rednerpult im Bundestag, dort, wo sonst Abgeordnete Reden halten, mahnte sie: “Lassen Sie nicht zu, dass der Antisemitismus wieder anwächst.”
Sie war ein Kleinkind und der namenlose Häftling Nummer A-27633 in Auschwitz. Heute ist sie eine geachtete und engagierte Zeitzeugin: Tova Friedman hat den Holocaust überlebt – und jetzt in aufrüttelnden Worten im Bundestag vor Antisemitismus gewarnt. Elegant und farbenfroh gekleidet, sprach die 87-Jährige am Mittwoch in der Holocaust-Gedenkstunde von der damaligen Hölle und von heutiger Verantwortung in Politik und Gesellschaft, um einem gefährlichen “Gedächtnisverlust” entgegenzuwirken.
“Ich bin das Kind, vor dem Hitler Angst hatte”, sagte die in den USA lebende Therapeutin. Hitlers Motto sei gewesen, dass es keine Zeugen geben dürfe. Sie spreche nun für die sechs Millionen Menschen, deren Stimmen zum Schweigen gebracht worden seien: “Ich bin Ihre Zeugin.” Friedman zugehört haben die Abgeordneten, Kanzler Friedrich Merz (CDU), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und zahlreiche Menschen auf der Tribüne des Parlaments. Unter ihnen waren andere Überlebende und auch Friedmans Enkel Aron Goodman, mit dem sie auf Tiktok in kurzen Videos über den Holocaust aufklärt.
Sie gehöre zu einer kleiner werdenden Zahl an Überlebenden, die noch Zeugnis ablegen könnten, gab Friedman zu bedenken. Weltweit gibt es nach Schätzungen der Claims Conference noch 196.600 jüdische Holocaust-Überlebende. Dabei handelt es sich nahezu ausschließlich um Menschen, die vor mehr als 80 Jahren als Kinder dem Massenmord des NS-Regimes an den Juden in Europa entkamen – wie Friedman. Am 7. September 1938 kam sie in der Nähe von Danzig (Gdansk) zur Welt.
In eindringlichen Worten sprach sie über das, was ihr und ihrer Familie angetan wurde – unter anderem im Ghetto Tomaszow Mazowiecki und in Auschwitz. Von großer Angst, Abschieden für immer, Hunger, Verstecken, der Eintätowierung ihrer Häftlingsnummer – und immer wieder von Überlebensstrategien, die ihre Mutter sie gelehrt habe. Zum Beispiel: “Weine nicht.” Denn wer geweint habe, habe als schwach gegolten – und nicht überlebt.
So unwahrscheinlich es auch gewesen sei: Ihre Mutter und sie überlebten Auschwitz, das größte Konzentrationslager der Nazis mit mehr als einer Million ermordeten Menschen, die meisten davon Juden. Dem Tod in der Gaskammer entging Friedman vermutlich nur wegen eines technischen Defekts.
Sie erinnerte sich, wie sie mit ihrer Mutter befreit wurde: “Als wir Auschwitz verließen, Hand in Hand gehend, flüsterte sie mir zu: ‘Erinnere dich.’ Seither habe ich mich jeden Tag erinnert.” 150 Mitglieder der Familie ihrer Mutter seien ermordet worden, ihre Mutter sei die einzige Überlebende gewesen. Ihr Vater sei körperlich und seelisch gebrochen aus Dachau zurückgekehrt. “Er konnte kaum darüber sprechen.”
Friedman aber spricht und appelliert am Mittwoch an die Anwesenden im Bundestag: “Lassen Sie nicht zu, dass der Antisemitismus wieder anwächst.” Und: “Möge die Verantwortung zum Handeln führen. Und möge das Handeln sicherstellen, dass ‘Nie wieder’ keine Parole bleibt, sondern eine bleibende Verpflichtung.” Zugleich betonte Friedman, dass sie mit Dankbarkeit Deutschlands Engagement bei der Bekämpfung von Antisemitismus anerkenne.
An die Adresse der Parlamentarier mahnte Friedman, dass sie verantwortlich seien für die Welt, die sie gestalteten. “Und das bedeutet, diese Seuche, diese Epidemie des Hasses, diesen Antisemitismus, sehr ernst zu nehmen. Neutralität angesichts von Hass ist keine Neutralität, sondern sie bedeutet Zustimmung.”
Zu Beginn der Gedenkstunde hatte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner eingeräumt, dass das Leben für Jüdinnen und Juden hierzulande gefährlicher geworden sei. Sie forderte einen besseren Schutz jüdischen Lebens: Jede Form der Ausgrenzung jüdischen Lebens widerspreche dem Wesen Deutschlands.
Dass Juden in Deutschland und anderen Staaten – vor allem als Folge des Terrorangriffs der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gazakrieg – angefeindet und auch attackiert würden, prangerte auch Friedman an. So müsse etwa ihr Enkel auf dem Campus seiner Uni seinen Davidstern verstecken. Sie selbst werde weiter aufklären, insbesondere jüngere Menschen – “bis zu meinem letzten Atemzug”. Nach Friedmans Rede erhoben sich die Anwesenden im Bundestag und applaudierten minutenlang.