Zurück zur Wehrpflicht? – Junge Soldaten und ihre Motivation

Abenteuer, Kameradschaft, Vaterlandsverteidigung? Mehr als 180.000 Bundeswehrsoldaten gibt es derzeit. Zu wenig, findet der Bundesverteidigungsminister. Ein junger Mann erzählt, warum er freiwillig Wehrdienst leistet.

Waffen waren für Jonathan in seinem bisherigen Leben kein Thema. Deshalb sei es für ihn „ein sehr komisches Gefühl“ gewesen, als er das erste Mal an einer Schießübung teilnahm, erzählt der junge Mann an diesem regnerischen Frühlingsmorgen in einem Waldstück ein paar Kilometer südwestlich von Berlin.

„Ich bin danach heimgegangen zu meiner Mutter und habe ihr gesagt, dass das gruselig ist“, sagt der 19-jährige Passauer in Soldatenuniform und mit grüner Tarnfarbe im Gesicht und betrachtet nachdenklich sein Gewehr, ein G36, das Standardgewehr der Bundeswehr. „Sowas tötet Menschen. Das ist der Sinn dahinter. Wenn er auch nicht schön ist, so ist er doch wahr.“

Die Nacht hat Jonathan mit seinen 15 Kameraden beim Biwak-Training verbracht – einer Übung, bei der man lernt, wie man im Feld überlebt. Sie gehört zur Grundausbildung bei der Bundeswehr. Die Waffe muss beim Biwak immer am Mann bleiben. Jonathan schläft in der „Dackelgarage“ – die aus Tarnungsgründen nur das Liegen zulässt – sogar mit dem Kopf an sie gelehnt. Die Uniformhose lässt er nachts nur bis auf die Schuhe herunter, zieht sie gar nicht richtig aus. So spart er Zeit, falls es Nachtalarm gibt.

In der Döberitzer Heide vor den Toren Berlins haben schon die Truppen des letzten deutschen Kaisers geübt; die Wehrmacht hat dort trainiert und auch die Rote Armee. Mittlerweile ist das Gelände militärischer Bereich der Bundeswehr. Schilder am Waldrand weisen darauf hin, dass es verboten ist, sich Munition und Munitionsteile anzueignen, die als Altlasten von hundert Jahren Militärnutzung im Boden liegen.

Derzeit leisten mehr als 180.000 Soldatinnen und Soldaten Dienst in den Streitkräften der Bundeswehr. Davon sind rund 10.000 Freiwillig Wehrdienstleistende – so wie Jonathan, der seit Februar dabei ist und in der Julius-Leber-Kaserne, der größten Kaserne Berlins, beim Wachbataillon ausgebildet wird.

Die Verteidigung Deutschlands – seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 ist das wieder ein Thema in der Bundesrepublik. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hält auch die Wiedereinführung der Wehrpflicht für denkbar, um Nachwuchs zu bekommen.

Jonathan – groß, dunkelhaarig, sportlich – hat sich freiwillig nach seinem Fachabitur für den Wehrdienst entschieden, erst einmal für elf Monate. Ihm sei klar gewesen, dass Abitur oder Studium für ihn derzeit nicht infrage kämen. Das stundenlange Drinnensitzen über Büchern sei nichts für ihn. „Ich wollte mehr Realitätsbezogenheit, draußen sein – und auch Aufregung.“ Bei der Bundeswehr treffe er auf Gleichgesinnte – „das Gegenteil von Stubenhockern“, sagt er.

Feuer machen, geräuschlos Brennholz zerteilen, draußen schlafen: Es kommen durchaus Assoziationen zur Pfadfinder-Romantik auf. Wenn nur die Schießübungen nicht wären. Um diese möglichst realistisch zu machen, spielen die Ausbilder die Rolle des Feindes. „Bekannte Gesichter im Zielfernrohr zu haben, verursacht ein ziemlich ungutes Gefühl“, berichtet Jonathan.

Zwei Nächte haben er und die weiteren Wehrdienstleistenden – darunter zwei Frauen – bereits im Feldübungslager verbracht. Es waren kurze Nächte; in jeder Gruppe können zeitgleich nur zwei Soldaten schlafen, die anderen wachen am Lagerfeuer oder haben Alarmbereitschaft.

Jetzt regnet es seit dem frühen Morgen in Strömen. Jonathan, in triefnasser Uniform, beeindruckt das nicht. „Der Regen macht mir nicht so viel aus“, sagt er. Bevor er bei der Bundeswehr zusagte, habe er zunächst getestet, wie belastungsfähig er sei, ob er auf Komfort verzichten könne. Er radelte 3.000 Kilometer durch Deutschland, Belgien und Frankreich, schlief nachts in einer Hängematte. „Dabei bin ich schon an viele Grenzen gestoßen, das muss ich also hier nicht mehr“, sagt der junge Mann mit Blick auf Kälte, Anstrengung und wenig Schlaf, den das Biwak mit sich bringt.

Ob die angehenden Soldaten der psychischen Belastung gewachsen sind, soll vor der Einstellung ein Psychologe klären. „Können Sie sich vorstellen, auf jemanden zu schießen?“, fragt dieser etwa. Auch Jonathan kennt diese Situation. „Ich war mir damals nicht sicher. Jetzt würde es mir leichter fallen“, sagt er. Überhaupt motiviere ihn, anderen helfen zu können. „Wenn es mir schlecht geht und ich schaue dann auf meinen Nebenmann, dem es vielleicht noch schlechter geht, dann geht es wieder. Dann treibt man denjenigen und sich selbst an.“

Pro Grundausbildung gebe es durchschnittlich einen Wehrdienstleistenden, der aus Gewissensgründen abbreche, erklärt Hauptmann Niels, Offizier im Wachbataillon und selbst Zeitsoldat. Andere entschieden sich um, weil ihnen das frühe Aufstehen nicht liege oder sie nicht so streng angesprochen werden wollten. Manche suchten sich die Ausbildung aber auch gerade deshalb aus, weil sie sich davon erhofften, ihr Leben besser strukturieren zu können.

Täglich um 5 Uhr aufstehen, antreten, Stube reinigen, Nachrichtenlage hören: „Der Dienst bei der Bundeswehr hat mir geholfen, meine Prokrastination – die Aufschiebekrankheit – abzustellen“, sagt auch Jonathan. „Die Disziplin hier tut mir gut.“ Zudem sei sie – genau wie Pünktlichkeit – unter Umständen lebensrettend: „Sonst würde im Ernstfall nichts funktionieren.“ Insofern mache ihm auch das ungewohnte Befehlsempfangen nichts aus.

Die Bundeswehr ist zudem eine der wenigen beruflichen Tätigkeiten, bei der das Handy nicht dauernd in der Hosentasche stecken darf. In der Kaserne bleibt es den Tag über in einer privaten Schublade, weil es zu viel Ablenkung bietet und die Konzentration leidet. Beim Biwak haben die jungen Rekruten gar keines dabei. Das hat auch damit zu tun, dass ein Smartphone im Ernstfall lebensbedrohlich sein kann: Ungünstig, wenn es gerade dann klingelt, wenn man sich vor dem Feind verschanzt hat. Zudem können Handys von bestimmten Drohnen geortet werden – die schießen dann einfach in die Richtung des Signals.

Und wie hat Jonathans Umfeld darauf reagiert, dass er sich für elf Monate verpflichtet hat? „Die einen mit Unglauben, die anderen mit Skepsis, wenige mit Zuspruch“, sagt der junge Soldat. Mittlerweile habe sich das Stimmungsbild etwas gewandelt. Anders seine Freundin, die er regelmäßig am Wochenende zu Hause in Bayern besucht und ihr dann erst einmal stundenlang von seiner Woche berichtet. „Für sie wäre es nichts“, sagt Jonathan. „Ich glaube aber, dass es wichtig ist, dass man jemandem alles erzählen kann, der nicht bei der Bundeswehr ist.“ Ihm falle es jedenfalls so leichter, die Woche abzuhaken.

Zeitsoldat oder gar Berufssoldat zu werden – das kann sich Jonathan trotz seiner positiven Sicht auf die Ausbildung momentan noch nicht so richtig vorstellen. Er ist sich aber bewusst, dass er als ausgebildeter Soldat bei Bedarf eingezogen werden könnte. „Ich möchte, dass es in Deutschland sicher bleibt, ein sicherer Hafen, auch für Flüchtlinge. Und es muss jemanden geben, der dafür sorgt“, sagt Jonathan. Seine Rolle dabei sei sehr klein – „aber es ist ein Anfang“.