Ukraine-Krieg

Der Krieg führt die Politik in ein Dilemma

Sind Waffenlieferungen konkrete Nothilfe für den Nächsten? Oder bedeuten mehr Waffen auch mehr Gewalt und mehr Tote? In der evangelischen Kirche ist man sich einig, dass diese Frage in ein Dilemma führt.

Christoph Meyns bleibt Sprecher für die institutionelle Seite

von Charlotte Morgenthal

Blankenburg, Wolfenbüttel. Angesichts des anhaltenden russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hat sich der braunschweigische Landesbischof Christoph Meyns gegen einen „radikalen Pazifismus“ ausgesprochen. Aus christlicher Perspektive sei die Beteiligung an Verteidigungsmaßnahmen als „ultima ratio“ zu rechtfertigen, sagte der evangelische Theologe am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Sie sind Ausdruck konkreter Nothilfe für den Nächsten.“

Friedrich Kramer gegen Waffenlieferungen

Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Friedrich Kramer sprach sich gegenüber dem epd hingegen erneut gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aus. Er könne die ukrainischen Forderungen nach Waffen und die deutschen Stimmen, die diese unterstützten, zwar verstehen, sagte er im Vorfeld einer Diskussionsrunde zum Krieg in der Ukraine. Allerdings stehe „der Behauptung, dass durch Waffenlieferungen Kriegsverbrechen und das Sterben von Zivilisten verhindert werden, das Wissen gegenüber, dass mehr Waffen auch mehr Gewalt und mehr Tote bedeuten“, betonte der Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Friedrich Kramer, Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) bei einem Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) bei der 12. Synode der EKD am 12.11.2019 in Dresden.

Es sei selbstverständlich, dass die Ukraine in diesem Angriffskrieg ein Verteidigungsrecht habe, sagte Kramer. „Der Angriff Russlands auf die Ukraine ist durch nichts zu rechtfertigen.“ Er sei allerdings dagegen, allein auf militärische Sicherheit zu setzen und die Möglichkeiten einer zivilen Konfliktlösung weiter im Blick zu behalten, so schwer dies auch sei.

Kritik an Bunderegierung

Kramer kritisierte, dass die Bundesregierung ohne eine breite gesellschaftliche Diskussion 100 Milliarden Euro in Rüstung und militärische Sicherheit investiert habe. Allein auf militärische Ausgaben zu setzen, werde den komplexen Sicherheitsproblemen – vom Klimawandel über globale Gesundheitsprobleme und der Bekämpfung von Not und Armut im globalen Süden – nicht gerecht. „Es braucht in meinen Augen auch finanzielle Mittel für Entwicklungshilfe und für zivile Konfliktbearbeitung.“

Tod und Zerstörung weiter verstärken

Der braunschweigische Landesbischof forderte für militärische Maßnahmen gegen den russischen Angriffskrieg eine sorgfältige Abwägung: „Eine Gegenreaktion muss stets im Blick haben, dass sie das Ausmaß von Tod und Zerstörung weiter verstärken kann“, unterstrich Meyns.

Führt zu Dilemma, das nicht zu lösen ist

Der Krieg führe die Politik in ein Dilemma, das nicht zu lösen sei, ohne Schuld auf sich zu laden, unterstrich der Bischof: „Liefert man Waffen, werden damit Menschen getötet. Liefert man keine Waffen, werden andere Menschen getötet.“ Die Kirche müsse sich vor allem daran beteiligen, Wege zum Frieden zu suchen, auch wenn es notwendig werden könne, militärische Mittel einzusetzen, um „Leib und Leben“ zu verteidigen.

Die Theologen äußerten sich vor einer Diskussionsveranstaltung am Freitagabend in Blankenburg. Dabei sollte es vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs um völkerrechtliche, politische und ethische Perspektiven gehen.

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