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Schriftstellerin Juli Zeh wünscht sich mehr Gelassenheit

Mit Büchern wie “Unterleuten” gehört Juli Zeh zu den erfolgreichsten Autorinnen der Republik. Daneben meldet sie sich immer wieder zu gesellschaftlichen Debatten zu Wort. Auch jetzt, kurz vor dem Jahreswechsel.

Juli Zeh (51), Schriftstellerin mit Wohnsitz in Brandenburg, hält nichts von Alarmismus in Politik und Medien. “Wenn man sagt, die Apokalypse droht, wer hat dann noch Zeit für Demokratie und Liberalismus?”, fragte Zeh in einem Interview der “wochentaz”. Wer so rede, befördere letztlich den Erfolg von Rechtspopulisten. “Das gilt für jeden, der wegen einer erfolgreichen Schlagzeile so tut, als stünden wir unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Landes oder vor dem Dritten Weltkrieg.”

Den hohen Zuspruch der AfD in ihrem Dorf im Havelland erklärte die aus Bonn stammende Schriftstellerin mit einer extremen Unzufriedenheit der Menschen. “Sie haben nicht das geringste Vertrauen in die herkömmlichen Parteien, weil es an allen Ecken und Enden an der simplen Grundversorgung fehlt: Bildung, Mobilität, Gesundheit, Pflege, bezahlbarer Wohnraum.”

Als Beispiel erzählte die studierte Juristin die Geschichte einer Mutter, deren Tochter ein Platz in einer weit entfernt liegenden Schule zugewiesen wurde. Um diese Schule mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, hätte die Tochter mehrmals umsteigen müssen.

“Die Mutter wollte nicht, dass ihr Kind alleine bei Kälte und Dunkelheit am Bahnhof steht”, so Zeh weiter. Also habe sie die Tochter gefahren, weshalb sie jeden Tag zu spät zur Arbeit gekommen sei. Nach zwei Wochen wurde der Mutter gekündigt, wie die Autorin berichtete. “Ein halbes Jahr später haben sie doch noch einen Schulplatz etwas näher zum Wohnort bekommen, Gott sei Dank. Aber der Job der Mutter war weg. Dass Menschen, die so etwas erleben, AfD wählen, wundert mich nicht.”

Ein Großteil der AfD-Wähler in ihrem Dorf fänden vor allem die anderen Parteien schlecht, erläuterte Zeh. “Die meisten, mit denen ich spreche, glauben gar nicht, dass die AfD Lösungen parat hätte.” Allerdings sei die AfD “anschlussfähig mit dem, was sie so rumplärrt, mit ihrer Elitenfeindlichkeit und Verachtung für Politiker”. Besorgt zeigte sich Zeh darüber, dass viele Menschen gar kein Interesse mehr für die Bundesregierung aufbrächten. “Dieses Wegdriften ist schon dramatisch. Dadurch werden die Leute verführbar und manipulierbar durch Extremisten.”

Ungeachtet dessen sei sie der Überzeugung, dass der Versuch, mit der Brandmauer die AfD kleinzuhalten, in den vergangenen zehn Jahren nichts gebracht habe, fügte Zeh hinzu. Im brandenburgischen Landtag etwa gebe es schon jetzt keine Zwei-Drittel-Mehrheit mehr ohne die AfD. “Um beispielsweise einen Verfassungsrichter zu wählen, braucht man aber zwei Drittel des Landtags. Wählen wir dann halt keine Verfassungsrichter mehr?”

Auch ein AfD-Verbot sieht die Schriftstellerin skeptisch, die mit Erzählungen und Romanen wie “Unterleuten” regelmäßig Bestseller landet. Sie sei nicht grundsätzlich dagegen, betonte sie. “Wenn ein Parteiverbotsverfahren Aussicht auf Erfolg hat, kann und muss man es anstrengen.” Wenn nicht, werde es jedoch der AfD weiteren Aufwind verleihen. Auf den Einwand, dass derzeit fast alles dem Rechtspopulismus nütze, entgegnete Zeh: “Außer guter Politik und gutem Journalismus vielleicht.”