Eine Christin zwischen Berlin und Heide

In ihrer Arbeitszeit sitzt sie im Plenarsaal, in ihrer Freizeit am Lagerfeuer mit den Pfadfindern. Denise Loop ist Bundestagsabgeordnete aus Dithmarschen. Und pendelt zwischen zwei Welten.

Denise Loop in Bluse vor dem Reichstag
Denise Loop in Bluse vor dem ReichstagSTEFAN_KAMINSKI

Berlin/Heide. Denise Loop ringt noch mit ihrem Zeitmanagement, die Terminlast ist gewaltig. Das Büro ist noch nicht ihr endgültiges. Sie pendelt zwischen Dithmarschen, ihrem Wahlkreis, und Berlin. Die evangelische Christin aus Heide gehört seit 2021 als Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen dem Deutschen Bundestag an. Zwischendurch baut sie kurze Atempausen ein.

Die findet Denise Loop in Berlin unter anderem im Andachtsraum des Bundestags auf der südöstlichen Seite der Plenarsaalebene. Da sortiert sie sich, sammelt Kraft, kriegt den Kopf wieder frei, tankt Ruhe. Wenn sie es einrichten kann, dann nimmt sie an den ökumenischen Andachten teil, die an den Sitzungstagen donnerstags und freitags ab 8.40 Uhr stattfinden. Eingeläutet mit dem Glockenspiel des Kölner Doms, das über Lautsprecher zu den Gläubigen vordringt.

Christlich geprägt

Die 28-Jährige stellt sich gern hinter die Holzstühle mit den hohen Lehnen, blickt auf die Nagelbilder des Künstlers Günter Ücker hinter dem Altar: „Am Anfang habe ich mich ein bisschen erschrocken. Seit ich mir die Bilder regelmäßig anschaue, sprechen sie mich an“, stellt die Politikerin fest. Der Raum mit der kleinen Truhenorgel, dem gedämpften Licht und dem mobilen Kreuz auf dem Altar sei zwar nicht religiös gebunden, aber Denise Loop finde ihn schon christlich geprägt. Bisher habe sie noch keine Andacht geleitet, was einzelne Abgeordnete tun, wenn externe evangelische oder katholische Pfarrer nicht verfügbar sind. Ob sie das überhaupt kann, fragt sich die Neue in Berlin.

Im Andachtsraum des Bundestags findet Denise Loop Ruhe Foto: Rolf Schulten / epd
Im Andachtsraum des Bundestags findet Denise Loop Ruhe Foto: Rolf Schulten / epd© epd-bild / Rolf Schulten

Könnte gut sein, denn zu Hause arbeitet sie in der Kirchengemeinde mit und leitet Pfadfindergruppenstunden. Ein Leben zwischen Kleinstadt, Lagerfeuerromantik, Natur und Mitdenken bei der Gestaltung von Bundesgesetzen in der Millionen-Metropole.

Im Wahlkreis besucht die studierte Sozialarbeiterin Gottesdienste. In Berlin fällt es ihr schwerer, dafür den nötigen Freiraum zu finden. Hält sie die Politik von der Ausübung ihres Glaubens ab? „Ich habe es noch nicht geschafft, das eine mit dem anderen zu verbinden.“ Wären wir wieder bei der Einübung des Zeitmanagements, an dem sie ja arbeiten will.

Kaum Gelegenheit für Gespräche

Allerdings erzählt die Politikerin, wie sie vor der Wahl des Bundespräsidenten im Februar beim Gottesdienst im Berliner Dom war und auf dem Fußweg zurück zum Bundestag mit Kollegen ins Gespräch kam. Das hat der Grünen offensichtlich gut gefallen. Nach den 15-minütigen Kurz-Andachten im Reichstagsgebäude strömen nämlich die meisten Politiker schnurstracks­ zu ihren nächsten Terminen. Bisher hatte sie dort keine Gelegenheit für ergiebige Gespräche mit Kollegen.

 

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Ökumene gibt es nicht nur im Andachtsraum als Zusammenspiel von Katholiken und Protestanten. Im Plenarsaal sind ja mittlerweile viele Religionen bei den Bundestagsabgeordneten vertreten oder auch gar keine. Und das bunte Parteienspektrum, „eine Herausforderung“ in Sachen Nächstenliebe, bekennt die junge Abgeordnete, deren Mann Katholik ist. Sie empört sich über schlimme Äußerungen einzelner Abgeordneter am rechten Rand. Doch Loop hält sich im Zaum. Vielleicht auch, weil es in ihrem Lieblingsbibelspruch im Johannesevangelium heißt: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Als die Familienpolitikerin Anfang April ihre erste Rede im Bundestag zum Gleichstellungsbericht der Bundesregierung hält, fiel ihre Betonung bei der Begrüßung auf: „Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe KollegInnen der demokratischen Parteien“.

Was ihr Halt gibt

Für unfehlbar hält sich Denise Loop nicht. Sie weiß um die Grenzen von Politik. „Sie ist von Menschen gestaltet“, bemerkt sie. Implizierend, dass Politik unvollkommen ist. Die Grüne erinnert sich an die schwierige Debatte vor der Abstimmung zur Impfpflicht, für die sie mit „Ja“ stimmt.

Halt in schwierigen Zeiten gibt Denise Loop unter anderem ihr Lieblingskirchenlied „O, Bethlehem du kleine Stadt“. Der Pastor in ihrem Geburtsort Itzehoe, wo ihre Eltern leben und wo sie aufgewachsen ist, hat an Weihnachten die Liedfolge kurzfristig verändert, als er erfuhr, dass Denise in der Kirche ist. Nein, in Bethlehem war die junge Frau noch nicht. Es gibt für sie noch so viel zu entdecken. Ihr Mandat wird ihr einige Möglichkeiten dazu bieten. Für ihre christliche Überzeugung räumt sie ein: „Ich lebe sie eher, als dass ich sie benennen kann.“ Darüber ist sich die junge Frau aber schon im Klaren: Ein Kreuz will sie in ihrem künftigen Büro nicht aufhängen.