Der Mann für die Kultfilme: Vor 25 Jahren starb Stanley Kubrick

Stanley Kubricks letzter von 13 Spielfilmen, „Eyes Wide Shut“ mit Nicole Kidman und Tom Cruise, wurde wenige Tage vor seinem Tod am 7. März 1999 fertig. Es ist die Adaption von „Traumnovelle“ (1926) des Wiener Schriftstellers Arthur Schnitzler über eine scheinbar gut gehende Ehe. Bei Schnitzler spielte das psychologische Beziehungsdrama in der gesellschaftlichen Elite in Wien, bei Kubrick in New York; die Szenen sind voll von Symbolen und mittelalterlich anmutenden Ritualen und lassen viel Raum für Interpretation.

Wie vieles bei Kubrick. Der vor 25 Jahren in St. Alban nördlich von London gestorbene Regisseur hat versucht, die menschliche Natur auszuloten. Der Nachruf in der „Los Angeles Times“ zitierte nach seinem Tod Regisseur Oliver Stone: Kubrick sei „der großartigste amerikanische Regisseur seiner Generation“ gewesen. Und Steven Spielberg erklärte: Kubrick habe niemanden nachgemacht, „und wir alle haben uns bemüht, ihn zu imitieren“.

„Eyes Wide Shut“ gilt ein Vierteljahrhundert später als Klassiker und Kultfilm – wie die meisten Kubrick-Filme. Dazu zählt auch „Uhrwerk Orange“ („The Clockwork Orange“) aus dem Jahr 1971 über brutale Gewalt einer Jugendgang. Der Film ist Gesellschaftsdystopie und grelle Pop-Satire in einem, wegen seiner Gewaltdarstellungen eines der umstrittensten Werke des Regisseurs.

1980 erschien der Horrorfilm „The Shining“ (1980) mit einem furchterregenden Jack Nicholson, 1987 der Anti-Kriegsfilm „Full Metal Jacket“ (1987) über die menschenverachtende Ausbildung junger Männer zu Killer-Marineinfanteristen. „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) ist ein Sci-Fi Meisterwerk mit dem Supercomputer HAL 9000. Der Film greift der Kontroverse über die Gefahren Künstlicher Intelligenz vor. HAL 9000 mit seinem rot leuchtenden Auge bringt fast die gesamte Besatzung eines Raumschiffes um.

Kubrick, geboren am 26. Juli 1928 in New York als Sohn eines Arztes, war ein begeisterter Schachspieler. Schach sei für ihn mehr als ein Spiel gewesen, schrieb Biograf Vincent LoBrutto. Es habe „Ordnung, Logik, Durchhalten und Selbstdisziplin“ repräsentiert. Bei der Arbeit an seinen Filmen war seine perfektionistische Liebe zum Detail legendär.

Anfang der 1960er Jahre wandte er sich von Hollywood ab, zog nach England. Interviews mit ihm sind rar. Steven Spielberg stellte sich jedoch gegen das kolportierte „Missverständnis“, Kubrick habe als abgeschotteter Einsiedler gelebt: Der Regisseur habe sich nur nicht viel mit der Presse abgegeben. Kubrick sei mit Hunderten Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt gewesen, sagte Spielberg.

Eine Klasse für sich in Kubricks Schaffen ist „Dr. Strangelove“, der 1964 als „Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ in die westdeutschen Kinos kam: eine Satire über die Gefahr eines Atomkrieges zwischen den USA und der Sowjetunion und das Prinzip der „gegenseitigen Abschreckung“.

In „Dr. Strangelove“ schickt ein US-Brigadegeneral Atombomber Richtung Sowjetunion. Man dürfe die Entscheidung über Krieg nicht den Politikern überlassen. Der überforderte US-Präsident Merkin Muffley (Peter Sellers) kann nicht alle Bomber zurückrufen. Von sowjetischer Seite erfährt er, dass dort eine „Weltuntergangsbombe“ existiere, die alles Leben auf Erden vernichten werde. Präsidentenberater Dr. Strangelove (ebenfalls Peter Sellers) ist ein deutscher Wissenschaftler mit Nazi-Vergangenheit – wie viele wirkliche Forscher des US-Raketenprogramms – und bleibt positiv: Ein paar hunderttausend Menschen könnten in Bergwerkschächten überleben und neu anfangen.

In einem Interview, veröffentlicht 1966 im Magazin „New Yorker“, hat Kubrick über „Dr. Strangelove“ gesprochen: US-Experten machten sich offenbar Gedanken darüber, wie man einen Atomkrieg vermeiden könne, sagte der Regisseur. Doch „niemand kann die Panik vorhersehen, die plötzlich hochkommt, wenn alle Lichter ausgehen“.

In dem Gespräch erzählt Kubrick auch von seiner Karriere: Seine Noten in der Schule seien zu schlecht gewesen für ein College-Studium. Aber er fotografierte gerne, bekam mit 13 von seinem Vater eine Kamera. Als Teenager verkaufte er seine ersten Fotos an das renommierte Magazin „Look“. Es folgte eine mehrjährige Festanstellung.

1951 drehte er seinen ersten Film, „Day of the Fight“, einen Kurzfilm über den Boxkampf des relativ unbekannten Mittelgewichtlers Walter Cartier. Es sei finanziell ein schlechtes Projekt gewesen, erinnerte sich Kubrick, doch es habe ihm große Genugtuung verschafft, den Film in einem Kino zu sehen. Bekannt wurde er dann 1957 mit dem Antikriegsfilm „Wege zum Ruhm“. Bei den Dreharbeiten lernte er seine dritte Frau kennen, die deutsche Schauspielerin und Malerin Christiane Harlan, mit der bis zu seinem Tod verheiratet war.

1997, zwei Jahre vor seinem Tod, wurde Kubrick von der Regisseursvereinigung „Directors Guild of America“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet und erhielt den Goldenen Löwen in Venedig für sein Gesamtwerk. Einen Regie-Oscar erhielt er nie.