Kirchengemeinde in Hamburg

Auch ein plattdeutscher Gottesdienst kann ernst sein

Seit 20 Jahren feiert eine Kirchengemeinde einen plattdeutschen Gottesdienst. Er ist stets beliebt, aber die Pastorin braucht lange für die Vorbereitung.

Gerhard Becker aus der Kirchengemeinde Farmsen-Berne und Pastorin Christa Usarski.

Gerhard Becker aus der Kirchengemeinde Farmsen-Berne und Pastorin Christa Usarski.

von Friederike Lübke

Hamburg. Dass bei diesem Gottesdienst etwas anders ist, merkt man schon an der Ankündigung. „Goddesdeenst“ steht dort und „So as jümmer“ – so wie immer. Am Sonntag, 4. August, findet in der Friedenskirche in Berne ein plattdeutscher Gottesdienst statt. Pastorin Christa Usarski und Gerhard Becker kümmern sich um diesen Gottesdienst.

Angefangen hat Christa Usarski mit dem Gottesdiensten vor rund 20 Jahren, als sie Gemeindepastorin in Berne wurde. Gerhard Becker leitete dort einen Plattdeutschkreis, den Karkenklönkrink. Als er erfuhr, dass sie als Gastpredigerin bereits in einer anderen Gemeinde einen plattdeutschen Gottesdienst gehalten hatte, schlug er vor, das auch in Farmsen-Berne zu tun.

Lieder singen sie aus einem plattdeutschen Liederbuch, auch Klassiker wie „Geh’ aus mein Herz und suche Freud“. Im Internet finden sich Handreichungen für plattdeutsche Gottesdienste. Plattdeutsche Bibelübersetzungen gibt es sogar mehrere. Die Predigt vorzubereiten, das dauere drei- bis viermal so lang wie sonst, sagt Christa Usarski, mache aber auch Spaß.

Wie im Ohnsorg-Theater

Plattdeutsch hat sie als Kind gelernt. Christa Usarski ist auf einem Bauernhof nahe Elmshorn aufgewachsen, ihre Mutter sprach Hochdeutsch mit ihr, der Vater Platt. Das blieb auch so, als sie zum Theologiestudium nach Hamburg ging, eine Stelle an der Uni bekam und ihren Doktor machte. Als ihr Vater starb, sagte sie zu einer Freundin: „Jetzt habe ich niemanden mehr, mit dem ich Platt sprechen kann.“ Daraufhin beschloss die Freundin: „Dann sprechen wir Platt.“ Wenn sich die beiden in der U-Bahn auf Platt unterhielten, wurden sie manchmal gefragt, ob sie vom Ohnsorg-Theater seien.

Christa Usarski ist es wichtig, dass ein plattdeutscher Gottesdienst genauso ernst und feierlich sein kann wie ein hochdeutscher. Zwar steht die Sprache in dem Ruf, derb zu sein, geeignet vor allem für Späße und nicht für tiefsinnige Gedanken, aber dem widerspricht sie entschieden.

„Das Plattdeutsche hat eine andere Weise, die Welt zu betrachten“, sagt Christa Usarski. Direkter, anschaulicher, aktiver. Sie findet es interessant, das Griechische aus der Bibel und das Plattdeutsche aufeinander treffen zu lassen. „Abstrakte Begriffe sind ein Problem. Kirchensprache ist ein noch größeres“, sagt sie. Wenn man eins zu eins übersetze, klinge es immer noch wie Hochdeutsch, erklärt sie, also müsse sie Aussagen anders formulieren. Wörter mit der Endung „-keit“ würden zum Beispiel nicht gehen. Statt „Ewigkeit“ sagt sie „immer“.

Viel Unterstützung

In den plattdeutschen Gottesdienst gehen vor allem Menschen, die die Sprache noch verstehen. Wenige können sie auch noch sprechen. 70 bis 80 Besucher kommen jedes Mal, und damit mehr als in den regulären Sonntagsgottesdienst. Unter ihnen sind auch kirchenferne, die vor allem die Sprache anzieht.

Der Termin für den Gottesdienst ist über die Jahre derselbe geblieben, er findet immer am ersten Sonntag im August statt. Das können sich die Besucher gut merken. Außerdem schreibt Christa Usarski vorher eine plattdeutsche Andacht im lokalen Wochenblatt und weist darauf hin. Als Thema legt sie nicht den Predigttext des jeweiligen Sonntages aus, sondern wählt meist ein eigenes, etwa „Brot“ oder „Türen“. Der Berner Frauenchor singt. Im Anschluss können die Besucher zum Essen bleiben. Manchmal kommt eine regelrechte Volksfeststimmung auf, findet Becker.

Früher hatte Christa Usarski viel Unterstützung, plattdeutsche Sprecher haben ein Anspiel gestaltet oder die Fürbitten gehalten, aber nach und nach sind es weniger geworden. „Es ist eine sterbende Sprache“, sagt Becker. Aber so lange noch Interessierte kommen, soll es auch den plattdeutschen Gottesdienst geben. Im kommenden Jahr wird Usarski in den Ruhestand gehen. Becker hofft, dass sie ihn trotzdem weiterhin halten wird.

Info
Der nächste plattdeutsche Gottesdienst findet am Sonntag, 4. August, um 18 Uhr in der Friedenskirche in Berne, Lienaustraße 6, statt.

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