Festliche Bräuche im deutsch-dänischen Grenzland

Wenn Weihnachten hyggelig wird

Von Wichteln über deutsch-dänische Lieder bis zum Tanz um den Baum: So feiern Kirchengemeinden der deutschen wie der dänischen Minderheit.

Das Krippenspiel gehört auch für die deutsche Gemeinde in Dänemark dazu

von Thorge Rühmann

Lügumkloster/Rendsburg. Wenn etwas als „hygge“ bezeichnet wird in Dänemark, dann bedeutet das: es ist gemütlich und heimelig. Der nördliche Nachbar ist dafür weithin bekannt – besonders, wenn es um eine „hyggelige“ Weihnachtszeit geht. Doch welche Traditionen pflegt die deutsche Minderheit in Dänemark, und wie sieht es bei ihrem dänischen Pendant in Schleswig-Holstein aus?

Die Adventszeit fängt früh an im Königreich. „Am 6. November kommt schon der Weihnachtsmann in die Stadt Tondern eingeflogen, und zwar wortwörtlich“, sagt Matthias Alpen und lächelt. Das sei in Deutschland unvorstellbar, denn vor dem Ewigkeitssonntag werde kein Weihnachtsmarkt eröffnet. Das sorge teils für eine Art Kulturschock, wenn deutsche Pastoren die Region besuchten.

Mitten im Land

Alpen ist Pastor in der Nordschleswiger­ Kirchengemeinde, in deren 36 Kirchen deutsche und dänische Gottesdienste gefeiert werden. Sein Pfarrbezirk Lügumkloster liegt mitten im Land, etwa auf Höhe von Apenrade. Insgesamt zählen rund 15.000 Menschen zur deutschen Minderheit in der Region; in der Gemeinde versammeln sich Menschen, deren Familien Wurzeln in beiden Ländern haben.

Tanz um den Tannenbaum

Das zeigt sich auch zu Weihnachten: „In der deutschen Minderheit gibt es sowohl deutsche als auch dänische Weihnachtsbräuche“, sagt der Theologe. „Und die vermischen sich durchaus.“ Vor der Bescherung um den Tannenbaum zu tanzen, das ist beispielsweise ein typisch dänisches Ritual, das viele gemischte Familien übernommen haben. Dabei fassen sich alle in der Familie an der Hand und tanzen im Kreis um den Baum, dazu werden Lieder gesungen. In Alpens Pastorat zum Beispiel wirbeln drei Kinder, die Eltern und teils auch die Großeltern rundherum. Nur der Großvater, der nicht so gut gehen kann, bleibt dann sitzen.

Nichtmenschliche Wesen hingegen schon: Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts spielen die „Julenisse“, kleine Wichtel, eine besondere Rolle in vielen dänischen Haushalten. Die Wichtel beschützen Haus und Hof; dafür müssen sie aber auch gnädig gestimmt werden, was mit einer großzügigen Portion „Ris a la mande“, kaltem Milchreis mit versteckter Mandel, geschieht. So auch im Pastorat in Lügumkloster: „Meine Kinder stellen eine Schale davon in den Keller. So stimmen sie den Nisse gnädig“, berichtet der Pastor. Aber wehe, das wird vergessen! Dann könnten „Unfälle“ passieren, etwa dass der Weihnachtsbaum plötzlich umkippt. Dahinter stecke der enttäuschte Nisse, der sich als „Ärgerwichtel“ räche.

Tief in der Seele verankert

Kindergarten-Kinder und Schüler feiern gewöhnlich den letzten Tag vor den Weihnachtsferien in der Kirche vor Ort. „Das ist tief in der Seele eines dänischen Schulkinds verankert“, schildert Alpen. Doch die Feier musste dieses Jahr aufgrund der im Vergleich hohen Infektionszahlen vielfach abgesagt werden.

Cecilie Brask, dänische Pastorin in Rendsburg Foto: Privat

Cecilie Brask, Pastorin der dänischen Kirche in Südschleswig, steht der Gemeinde in Rendsburg vor. „Unsere weihnachtlichen Traditionen haben viel mit Singen zu tun“, sagt sie. Man könne sich kaum treffen in einer dänischen Versammlung, ohne dass etwas gesungen werde, sagt die Seelsorgerin mit einem Augenzwinkern. Deutlich werde das etwa beim Advents-Gottesdienst mit „Æbleskiver“, einem dänischen Gebäck, und manchmal auch mit Glögg, also Glühwein. Dann werde stets gesungen – „sowohl mit als auch ohne Nisse!“

Auch in Südschleswig spielen die Wichtel eine Rolle, im Umfeld von Brask allerdings eher als Weihnachtsschmuck: Sie selbst habe einige Exemplare in einem Paketspiel gewonnen, als sie gerade 19 Jahre alt war. Seither werden die Nisse zu jedem Weihnachtsfest herausgeholt und sorgen für „hyggelige“ Weihnachtsstimmung zu Hause.

Kleinste Gemeinde

Die Pastorin steht in Rendsburg einer der kleinsten Gemeinden in Südschleswig vor. Das dänische Gotteshaus liegt am Gerichtsberg; es finden zwei Weihnachtsgottesdienste statt, die die rund 120 Gemeindemitglieder besuchen. „Für uns kommt nur 3G infrage, weil wir nicht so viel Platz haben in unserer Kirche“, erläutert Brask. Statt eines Krippenspiels, dessen Durchführung wegen der Pandemie zu unsicher erschien, gibt es im Gottesdienst ein weihnacht­liches Puppenspiel.

Um den gemischt-sprachigen Kirchenbesuchern das Singen gleichzeitig zu ermöglichen, gibt es seit längerem ein deutsch-dänisches Gesangbuch, in dem die bekanntesten Kirchenlieder in beiden Sprachen enthalten sind – und gleichzeitig gesungen werden können. Doch als Folge der Pandemie-Auflagen sei auch das Singen im Gottesdienst weniger geworden, berichtet die Pastorin. Das mache sich besonders jetzt zur Weihnachtszeit zu spüren. Viele Kirchenbesucher würden dadurch das gemeinschaftliche Gefühl, das beim Singen entstehe, vermissen. In dieser Hinsicht sei die Situation in Südschleswig eine andere als in Dänemark, wo trotz der Pandemie weitaus mehr gesungen worden sei.

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