Wenn der Küster an der Uhr dreht

Jede Woche zieht Georg Schindler die Turmuhr der St.-Gertrud-Kirche in Hamburg-Altenwerder von Hand auf. Weil sich die Zeiger nicht zurückdrehen lassen, muss sich der Küster bei der Umstellung auf Winterzeit anders helfen.

Küster Georg Schindler zieht die Uhr im Kirchturm von St. Gertrud auf
Küster Georg Schindler zieht die Uhr im Kirchturm von St. Gertrud aufPhilipp Reiss / epd

Altenwerder. Wenn Georg Schindler am Sonntag, 28. Oktober, die Turmuhr der Kirche St. Gertrud Altenwerder umstellt, hat er eine Stunde Zeit zum Aufräumen. Im wörtlichen Sinn, denn die Zeiger lassen sich nicht zurückdrehen, sondern nur vorwärts. Also hält er das etwa ein Meter große Pendel an und hat dann eine Stunde Zeit für andere Dinge. „Langweilig wird mir bestimmt nicht, es gibt immer was zu tun“, sagt der ehrenamtliche Küster. Zumal an dem Tag ein Gottesdienst in St. Gertrud gefeiert wird.
Einmal in der Woche klettert Schindler die schmalen, steilen Holztreppen in den zweiten Stock des Kirchturms hinauf. Das Uhrwerk von 1895 steht in einem Gehäuse, das wie ein Wandschrank aussieht. Drei Trommeln gilt es aufzuziehen. Dünne Drähte führen aus dem Uhrwerk und durch die Holzdecke bis hoch in den Turm zu den Glocken. Und am anderen Ende hängen Gewichte. Zieht Schindler die Uhr nicht auf, würde sie immer langsamer und bliebe schließlich stehen. 

Zum Gottesdienst tickt die Uhr wieder richtig

Hauptberuflich ist Schindler, der kurz vor der Rente steht, Elektrotechniker. Er geht meist morgens vor der Arbeit zur Uhr. Auch am 28. Oktober wird er erst am Morgen kommen, die Uhr zeigt also für wenige Stunden die falsche Zeit an. „Aber rechtzeitig, wenn die Gottesdienst-Besucher eintreffen, muss die Uhrzeit stimmen“, sagt er. 
Alle zwei Wochen findet in der Kirche, die seit 1978 der Stadt Hamburg gehören, noch ein Gottesdienst statt. Dazu gibt es Konzerte, Trauungen und besondere Gottesdienste wie einen jährlichen für Seefahrer. Auch Trauerfeiern werden noch von Pastor Dirk Outzen gehalten, die Beerdigung findet dann allerdings auf einem anderen Friedhof statt. Der Friedhof Altenwerder ist seit Juni offiziell geschlossen. Bestattungen haben schon seit den 1970-er Jahren nur noch in Ausnahmefällen stattgefunden. 
Früher hatte das Fischerdorf auf der damaligen Elbinsel Altenwerder bis zu 2500 Bewohner. Es wurde vor 40 Jahren abgerissen, um Platz für das Containerterminal zu machen, und die Bewohner wurden umgesiedelt. Die 1831 gebaute Kirche St. Gertrud blieb als einziges Gebäude stehen. Sie und der Friedhof sind heute im Besitz der Hamburg Port Authority (HPA). Die Gemeinde wurde damals mit der Thomasgemeinde Hausbruch zusammengelegt und wird heute von Pastor Outzen betreut. 

Falken im Turm

Schindler, der zuvor Küster in der Thomaskirche Hausbruch war, übernahm vor zehn Jahren die vielseitigen Aufgaben von der damaligen Küsterin Elisabeth Schwartau. Die hatte das Amt 30 Jahre lang inne, jeder kannte sie. „Ich war zwei Jahre lang Azubi bei Elisabeth Schwartau“, erzählt Schindler. „Ich musste viel mehr lernen als das Aufziehen der Uhr, wo der Schalter für die Heizung ist oder wo die Gesangbücher hinkommen.“ Er lernte die Menschen kennen, die in die Kirche kommen, und lernte viel über die Geschichte von Altenwerder, St. Gertrud und der Natur drumherum.   
Vier Stockwerke über dem Uhrwerk brüten seit 2012 Turmfalken. Sobald die Tiere den dort installierten Brutkasten bezogen haben, zieht Schindler nur noch eine der drei Trommeln im Uhrwerk auf. „Während der Brutzeit läuten die Gebetsglocke und der Stundenschlag nicht“, sagt er. „Die Gebetsglocke wiegt 800 Kilo – wenn die läutet, vibriert der ganze Turm.“ Er beobachtet die Falken gern vom Boden aus. „Sie sitzen gern auf dem Hammer der Stundenglocke.“ (epd)