Warum Kirchenaustritte meistens ein längerer Prozess sind

Es ist erneut ein großer Einbruch: Die evangelische Kirche in Deutschland hat im vergangenen Jahr mehr als eine halbe Million Mitglieder verloren. Wieso Menschen sich zum Austritt entscheiden, zeigt eine neue Untersuchung.

Schild am Amtsgericht Dortmund weist u.a. auch auf die Kirchenaustrittsstelle hin (Foto vom 16.02.2021).
Schild am Amtsgericht Dortmund weist u.a. auch auf die Kirchenaustrittsstelle hin (Foto vom 16.02.2021).epd-bild/Friedrich Stark

Hannover. Ärger über einen Pfarrer oder ein anderer konkreter Anlass treibt nach Angaben des evangelischen Sozialwissenschaftlichen Instituts (SI) nur wenige Menschen aus der Kirche. Zwar sei davon auszugehen, dass konkrete Anlässe wie die kirchlichen Skandale zur sexualisierten Gewalt an Kindern und die Verschwendung finanzieller Mittel zur Austrittsspitze 2019 beigetragen haben, „insbesondere bei den vormals Katholischen“, erklärte die Soziologin und Autorin der Untersuchung, Petra-Angela Ahrens. In erster Linie vollziehe sich der Austritt jedoch als Prozess, der häufig schon mit einer fehlenden religiösen Sozialisation beginne.

Die EKD hat am Mittwoch ihre Mitgliederzahlen für das Jahr 2021 veröffentlicht. Nach den aktuellen Berechnungen auf Basis der gemeldeten vorläufigen Zahlen gehörten den Angaben zufolge zum Stichtag 31.12.2021 insgesamt 19,7 Millionen Menschen einer der 20 Mitgliedskirchen der EKD an. Das seien rund 2,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Als Ursachen für den Rückgang werden unter anderem die im Corona-Jahr 2021 erhöhten Sterbefälle (360.000) sowie die hohe Zahl der 280.000 Kirchenaustritte genannt.

Auch im Norden weniger Mitglieder

Für die Landeskirchen im Norden sehen die Zahlen ähnlich aus: Die Rückgänge reichen von 1,8 Prozent der Mitglieder bei den Reformierten bis zu drei Prozent bei der Landeskirche Braunschweig. Die Nordkirche verlor 2,8 Prozent ihrer Mitglieder, die hannoversche Landeskirche 2,4 Prozent.

Allein auf weiter Flur in der Kirche Foto: Jens Schulze / epd
Allein auf weiter Flur in der Kirche Foto: Jens Schulze / epdepd

Nur eine Minderheit der Befragten habe einen konkreten Anlass zum Kirchenaustritt (24 Prozent vormals Evangelische, 37 Prozent vormals Katholische), hieß es weiter in der Studie. Jüngere Befragte veranschlagen demnach konkrete Anlässe seltener als Ältere, und sie geben häufiger an, diesen Schritt schon länger entschieden zu haben. Fast ein Fünftel unter ihnen nutze eine sich ergebende „gute Gelegenheit“.

Bei den weiterreichenden Gründen für den Kirchenaustritt kristallisiere sich eine empfundene „persönliche Irrelevanz“ von Religion und Kirche als wichtiger Faktor heraus, so die Soziologin Ahrens. In diesem Zusammenhang werde gerade bei den vormals Evangelischen auch die mit dem Kirchenaustritt verbundene Ersparnis der Kirchensteuer als Grund angeführt (71 Prozent zustimmende Voten).

Eine Frage der Generation

Ahrens: „Damit bestätigt sich die geläufige Figur einer ‚Kosten-Nutzen-Abwägung‘ zur Kirchenmitgliedschaft, die bei fehlender religiös-kirchlicher Bindung einen Austritt wahrscheinlicher macht.“ Insbesondere bei den vormals Evangelischen lasse sich der zunehmende Bedeutungsverlust eines religiösen Selbstverständnisses über die Generationenfolge hinweg ablesen, erklärte die Kirchensoziologin.

Die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus sagte, zwar hänge „die Ausstrahlkraft einer Kirche nicht allein an der Zahl der Mitglieder, die ihr formal angehören, trotzdem werden wir sinkende Mitgliederzahlen und anhaltend hohe Austrittszahlen nicht als gottgegeben hinnehmen, sondern dort, wo es möglich ist, entschieden gegensteuern“. Dazu beitragen sollen in diesem Jahr den Angaben zufolge gezielte Taufinitiativen. In vielen Landeskirchen würden derzeit besondere Taufangebote unterbreitet, damit Familien, die während des Lockdowns kein Tauffest feiern konnten, Taufen nachholen können.

EKD-Präses Annette Kurschus Foto: Jens Schulze / epd
EKD-Präses Annette Kurschus Foto: Jens Schulze / epdepd-bild/Jens Schulze

Als Reaktion auf schwindende Mitgliederzahlen haben die EKD und ihre Landeskirchen auf allen Ebenen Zukunfts- und Reformprozesse gestartet. „Wir wollen mit unserer Botschaft die Herzen der Menschen erreichen“, sagte die Präses der EKD-Synode, Anna-Nicole Heinrich. Es gehe „um nichts Geringeres, als mit unseren grundlegenden Werten eine Welt in Frieden und Freiheit mitzugestalten“.

Für die bundesweite Studie durch das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD wurden den Angaben zufolge insgesamt 1.500 Personen befragt, die aus der evangelischen oder katholischen Kirche austreten sind. 1.000 Befragte waren seit 2018 ausgetreten, 500 Befragte vor dem Jahr 2018. Vor dem Hintergrund der sogenannten bisherigen Austrittsspitze 2019 sollte unter anderem die Bedeutung konkreter Anlässe für die Austrittsentscheidung untersucht werden. Im Jahr 2021 beendeten mit 280.000 noch einmal mehr Menschen die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche als im bisherigen Spitzenjahr 2019 (270.000). (epd)