Riccardi: Kriege spiegeln eine Wertekrise des Gemeinsamen

„Hass schafft Krieg – und Krieg schafft Ohnmacht“, sagt der italienische Historiker Andrea Riccardi. Mit Papst Franziskus hält er Verhandlungen und Gespräche für die bessere Lösung. Sonst drohe ein Dritter Weltkrieg.

Der Gründer der katholischen Laiengemeinschaft Sant’Egidio fordert Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg – und verteidigt Papst Franziskus. Der römische Historiker Andrea Riccardi (74) sagte im Interview der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstag), der Papst habe die Ukraine mit seinem Wort von der „weißen Flagge“ sicher nicht zur Kapitulation auffordern wollen. Franziskus habe sich „vielleicht nicht angemessen ausgedrückt, was dem Format eines speziellen Interviews geschuldet war, in dem es vorrangig um die Farbe Weiß ging“. Aber abgesehen davon habe er „das gesagt, was er immer sagt: Es muss verhandelt werden, wenn man diesen schrecklichen Krieg beenden will.“

Die Ukraine und ihre westlichen Verbündeten wollten aber nicht verhandeln, „sondern den Aggressor Russland wieder aus der Ukraine drängen“, so der Historiker. Das aber sei äußerst schwierig. „Ich persönlich habe große Angst, dass wir in der Ukraine eine Verewigung des Krieges erleben, ein zweites Afghanistan. Ein Land, das vom Westen nach vielen Versprechungen im Stich gelassen worden ist“, erinnerte Riccardi.

Auch als Präsident von Sant’Egidio habe er viele schreckliche Kriege gesehen; aber auch, dass Kriege durch Verhandlungen zu Ende gingen. Dennoch sei er aktuell sehr besorgt, sagte Riccardi. „Der Krieg wird immer dominanter, und der Hass auch. Hass schafft Krieg. Und Krieg schafft Ohnmacht.“ Europa sei ohnmächtig; selbst die USA seien relativ ohnmächtig, etwa mit Blick auf das Sterben im Gazastreifen.

Neben einer Verstetigung des Krieges in der Ukraine sei ein zweites Szenario die Gefahr eines Flächenbrandes. „Die Welt könnte schnell in Flammen stehen, so wie ein Haus kaum noch zu löschen ist, wenn erst das Sofa brennt.“ Dann gehe es Schritt für Schritt zum Dritten Weltkrieg. Mit Blick auf die Leiden der Ukrainer wolle der Papst Verhandungen, sagte Riccardi. „Wie sonst kann das grauenvolle Töten enden?“

Man erlebe derzeit eine Wertekrise des Gemeinsamen, analysiert der Historiker. „Das Ich hat das Wir abgelöst“; überall, in Familie, Politik und Gesellschaft. Auch in der Kirche fehle der Gemeinsinn. „Viele Bischöfe verwalten die Kirche nur noch, so als wollten sie sie in 30 Jahren abwickeln, wie ein Unternehmen“, so Riccardi. Dem wolle sich der Papst entgegenstemmen. „Aber bei vielen Reformern ist die Begeisterung für Franziskus bereits in Enttäuschung umgeschlagen.“

Als Lösung der Wertekrise empfiehlt der Gründer von Sant’Egidio: „Man muss reden. Am Ende ist es die Kraft des Wortes, die uns retten kann.“ – Die 1968 gegründete katholische Laiengemeinschaft ist für ihre Armenarbeit und Friedensinitiativen weltweit anerkannt. 1992 konnte sie den Bürgerkrieg in Mosambik beenden, der eine Million Tote gefordert hatte.

Andrea Riccardi ist unter anderem Träger des Europäischen Karlspreises der Stadt Aachen. An diesem Samstag erhält er in München den mit 50.000 Euro dotierten Julius-Itzel-Preis. Mit ihm werden Personen ausgezeichnet, die sich den Werten christlicher Humanität, Moral und Ethik gewidmet haben.