Ein Bild überlebt in der Regel seinen Künstler, ein Buch seinen Autor. Wenn ein Tänzer die Bühne zum letzten Mal verlässt, verschwindet die Kunst oft mit ihm. Jetzt versucht eine Internetseite, das Tanzerbe zu erfassen.
Das von der Europäischen Union geförderte Projekt DanceMap will das zeitgenössische Tanzerbe Europas digital sichern. Ziel sei es, Tanz als immaterielles Kulturerbe vor dem Vergessen zu bewahren, teilte die deutsche Vertretung der EU-Kommission in Berlin am Donnerstag mit. Anders als Bücher oder Gemälde existiere zeitgenössischer Tanz oft nur im Moment der Darbietung und werde bislang kaum dauerhaft archiviert.
Kern des Projekts ist den Angaben zufolge der Aufbau einer digitalen Kartierungsplattform. Dort sollen europaweit vorhandene Materialien zum Tanzerbe gebündelt werden – etwa aus institutionellen Archiven, privaten Sammlungen oder von einzelnen Tänzerinnen und Tänzern.
DanceMap ist Teil des EU-Forschungsprogramms Horizont Europa. Nach Angaben der Projektbeteiligten soll das Vorhaben auch dazu beitragen, zeitgenössischen Tanz als wichtigen Bestandteil der kulturellen Identität Europas anzuerkennen und ihm langfristig einen stärkeren Platz in Kulturpolitik und Förderung zu verschaffen.
“Für die meisten Länder bedeutet Kulturerbe immer noch Gebäude, Manuskripte und Artefakte”, sagte Madeline Ritter, Direktorin von Bureau Ritter, einer Kulturorganisation mit Sitz in Berlin, die der Hauptpartner von DanceMap ist. Tanz habe als immaterielle Kunstform fast keinen Platz in den nationalen Kulturerbe-Budgets, so Ritter.
Zeitgenössischen Tanz gibt es den Angaben zufolge bereits seit mehr als einem Jahrhundert. Die fehlende Dokumentation dieser Kunstform habe auch Auswirkungen auf die Entwicklung des Tanzes selbst. “Andere Kunstformen entwickeln sich weiter, weil sie sich auf ihre Vergangenheit beziehen können. Kino, Musik, Malerei – sie alle bauen auf der Geschichte auf”, so der künstlerische Leiter des Berliner Tanz-on-Ensembles, Ty Boomershine. “Der Tanz fängt weiterhin bei null an, weil so ein Großteil seiner Vergangenheit nicht sichtbar ist.” Im Gegensatz zum klassischen Ballett verschwinde der zeitgenössische Tanz oft mit dem Choreographen oder der Choreographin.