Jugendliche aus Lübeck helfen Obdachlosen

Nächstenliebe in der Praxis

Das Winternotprogramm der Diakonie Schleswig-Holstein ist gestartet: In Lübeck helfen Jugendliche aus einer Kirchengemeinde ganz praktisch – und lernen dabei viel.

Lübecker Konfis bereiten frische Mahlzeiten für Obdachlose vor – im Lockdwon leider nicht möglich

von Thorge Rühmann

Rendsburg/Lübeck. Zusätzliche beheizbare Unterkünfte, warme Kleidung und Schlafsäcke: Die Diakonie­ Schleswig-Holstein hat landesweit ihr Winternotprogramm für Menschen, die auf der Straße leben, gestartet. Dazu stellen Diakonie und Kommunen teils Container, teils angemietete Wohnungen bereit, in denen die Menschen vor dem Erfrierungstod geschützt werden sollen. „Dieses Jahr ist für die Obdachlosen eine besondere Herausforderung“, sagte Diakonie-Chef Heiko Naß: „Jetzt im Winter gibt es viel weniger Möglichkeiten, wo sie unterkommen können.“

Wegen der Pandemie stünden viele Wohnungslose zudem unter einer hohen psychischen Anspannung, erläuterte der Landespastor – denn die meisten gehörten aufgrund diverser Vorerkrankungen zu einer Hochrisikogruppe. „Sie leben in ständiger Angst vor einer Infektion“, so Naß. Er forderte, dass bei der Verteilung des Corona-Impfstoffes die Wohnungs­losen „schnell und unkompliziert“ versorgt werden. Das Land Schleswig-Holstein unterstützt das Winternotprogramm mit 20.000 Euro. 10.000 Euro kommen von der Diakonie-Stiftung.

Immer mehr Obdachlose

Die Zahl der Obdachlosen in Schleswig-Holstein ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. So nahmen im vergangenen Jahr 7881 Menschen die Angebote der diakonischen Wohnungslosenhilfe in Anspruch, knapp 2500 mehr als 2014. Brennpunkte sind Kiel, Lübeck, Flensburg und Neumünster. In der Landeshauptstadt stehen nun neben schon bestehenden Notunterkünften beheizbare Container mit 18 Plätzen bereit, in Lübeck gibt es 25 zusätzliche Schlafplätze, auch in Norderstedt und Husum wurde aufgestockt.

In Tagestreffs können sich Wohnungslose aufwärmen, duschen, Wäsche waschen und ins Internet gehen. Doch wegen strengerer Hygieneregeln ist die Zeit, die sie hier verbringen können, geringer. „Wir überlegen deshalb, die Öffnungszeiten der Tagestreffs auszuweiten“, so Naß.

Drei junge Helfer reichen einem Gast eine Mahlzeit Foto: Privat

Ganz nah kommen Jugendliche und junge Erwachsene der Kirchengemeinde St. Jürgen in Lübeck den Wohnungslosen: Einmal pro Woche kochen, spielen und reden die 14- bis 20-Jährigen mit den Gästen, die in die Beratungsstelle kommen. Das ist zwar wegen der verschärften Corona-Auflagen im Lockdown aktuell nicht möglich, doch für gewöhnlich kümmern sich hier 17 Teamer gemeinsam mit Udo Blankenstein um ihre Gäste von der Straße: „Es geht darum, dass die Menschen ohne Obdach einmal abschalten können“, sagt der Diakon und Kulturwissenschaftler.

Er betreut das Projekt „MOO“, die Abkürzung steht für Menschen ohne Obdach, das seit 2006 gemeinsam von der Kirchengemeinde vor Ort und der Vorwerker Diakonie getragen wird. In diesen Tagen wird nicht gekocht, stattdessen werden vorbereitete Tüten ausgegeben, mit Brötchen, Käse, Müsli und Obst darin. Menschen, die auf der Straße leben, hätten vielfältige Ängste, Sorgen und Nöte, erläutert Blankenstein.

Familiäre Atmosphäre

„Die jungen Teamer dagegen sind neugierig und wollen die Obdachlosen ganz einfach kennen- und verstehen lernen“, sagt er. Ihnen gehe es darum, ganz praktisch Nächstenliebe auszuüben. Durch diese Unbeschwertheit, manchmal auch Naivität entstehe eine familiäre Atmosphäre, in der sich die meist älteren Gäste oft an früher und ihre eigenen Familien erinnert fühlten.

Die Begegnung habe aber auch einen Effekt auf die Jugendlichen selbst und ihren Freundeskreis: „Manchmal heißt es in ihrer Schulklasse: ,Wie, du arbeitest mit Pennern zusammen?‘ Dann können die Teamer als Multiplikatoren helfen, Vorurteile abzubauen“, erläutert Blankenstein. Nach jedem Einsatz findet eine kurze Reflexion statt, in der besprochen wird, was passiert ist, was das nächste Mal anders laufen kann.

Steigende Mieten

Zwischen 30 und 80 Wohnungs­lose kommen während eines „MOO“-Treffens in die Beratungsstelle – abhängig davon, ob die Menschen zu Monatsbeginn noch etwas mehr Geld in der Tasche haben oder an dessen Ende kaum mehr etwas übrig ist.

Insgesamt nehme die Anzahl der Betroffenen in der Hansestadt zu, beobachtet der Diakon: Ein Grund seien immer weiter steigende Mieten, ein anderer die wegen der Pandemie leeren Innenstädte, durch die die kleinen Einkommensquellen für die Menschen auf der Straße wegfielen – etwa aus dem Sammeln von Pfandflaschen oder durch Almosen. „Die Not wird eher größer als kleiner“, konstatiert Blankenstein sorgenvoll.

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