Kristina Kühnbaum-Schmidt, neue Landesbischöfin der Nordkirche, im Interview

„Möge der Geist Gottes kräftig wirbeln“

Am Pfingstmontag wird die neue Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt in ihr Amt eingeführt. Im Interview spricht sie über ihren neuen Wohnort Schwerin, Probleme der Nordkirche und und ihre neue Aufgabe.

Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt

von Tilman Baier

Frau Landesbischöfin, wenn Sie am Pfingstmontag offiziell eingeführt werden, liegen bereits 71 Tage in diesem Amt hinter Ihnen. Was war bisher Ihr eindrücklichstes Erlebnis?
Kristina Kühnbaum-Schmidt: Da mag ich mich gar nicht entscheiden, denn ich hatte so viele gute Begegnungen und Erlebnisse: vom Gesamtkonvent der Pröpstinnen und Pröpste über zahlreiche ökumenische Begegnungen bei der Einführung des neuen Direktors des Zentrums für Mission und Ökumene bis hin zum Landesposaunenfest in Plau am See. Dort durfte ich dann erstmals in meinem Leben ein großes Bläsertutti dirigieren!
Ich konnte das Engagement zahlreicher Menschen erleben, habe zwei Sitzungen der Kirchenleitung geleitet und ein erstes Treffen im Bischofsrat. Immer habe ich dabei dankbar erlebt, dass unterschiedliche Menschen im Blick aufs Ganze gute Lösungen suchen und finden – also Partikularinteressen zurückstellen und für die ganze Nordkirche denken. Das macht mich sehr zuversichtlich.

Schwerin wird nicht nur Ihr Amtssitz, sondern Lebensmittelpunkt sein. Sind Sie bereits innerlich angekommen?
Ja, mein Mann und ich fühlen uns sehr wohl in Schwerin. Wir wurden ganz warmherzig von der Domgemeinde empfangen und haben uns gut eingelebt als Gemeindeglieder. Wenn ich ohne dienstliche Verpflichtung am Sonntag in Schwerin bin, gehen wir dort in den Gottesdienst und sitzen unter der Kanzel einer Schwester oder eines Bruders. Mein Mann singt in der Domkantorei, und wir sind Mitglieder in einer solidarischen Landwirtschaft.
Schwerin ist ein wunderbarer Ort zum Leben und Arbeiten. Eine Spaziergang um den Pfaffenteich – und mein Kopf ist wieder frei. Vom zentral gelegenen Schwerin aus kann ich alle Teile der Nordkirche gut erreichen, und viele kommen auch gut und gern nach Schwerin.

Die Nordkirche ist ja eine sehr inhomogene Landeskirche, nicht nur was Unterschiede zwischen Ost und West betrifft, sondern auch die zwischen der Metropole Hamburg und dem weiten Land. Was ist da zu tun?
Wir können zukünftig noch besser verstehen, was in aller Verschiedenheit unsere gemeinsamen Themen sind. Es gibt ja nicht nur spezielle Themen einer Region, sondern in vielen Themen sind wir miteinander verbunden. Was Kirche in ländlichen Regionen bewegt, ist in Mecklenburg und Pommern ebenso Thema wie in Schleswig-Holstein. Es wird noch wichtiger werden, sich um Themen herum zu versammeln und solche thematischen Netzwerke in der Landeskirche zu stärken.

Die Nordkirche umfasst auch verschiedener Frömmigkeiten. Was ist wichtiger: dass diese Kirche wie ein weiter Mantel ist, unter dem vieles Platz hat, oder dass sie eine klar erkennbare Identität nach innen und außen besitzt?
In der weltweiten Ökumene haben wir ganz gut gelernt, dass Unterschiede eine Bereicherung sind und dass sie zugleich die eigene Identität stärken. Als Nordkirche geben wir verschiedenen Frömmigkeitstraditionen Raum und suchen nicht nach einer Einheitsfrömmigkeit. Dabei vergewissern wir uns, wo sich diese verschiedenen Traditionen treffen: im Bekenntnis zu Jesus Christus. In welchen Formen dieses Bekenntnis zum Ausdruck kommt, das kann bunt und vielfältig sein.

Kristina Kühnbaum-Schmidt kurz nach ihrer Wahl im vergangenen September
Foto: Philipp Reiss / epd

Nun ist die Vielfalt in der Nordkirche besonders ausgeprägt – bei der Fusion 2012 war ja auch die erst 1977 geformte Landeskirche Nordelbiens noch beim Zusammenwachsen …
… und es gab früher ja zum Beispiel auch noch Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz. Beim Blick in die Geschichte aller Vorgängerkirchen unserer Nordkirche kann man lernen: Strukturen – kirchliche wie staatliche – wurden immer wieder neu sortiert. Und immer gab es Menschen, die von außen dazu kamen mit ihrem Lebensstil und ihrem Glauben. Wenn man darauf sieht, wird man entspannter, was Veränderungen und die Begegnung mit bisher Fremdem betrifft.

Welche Aufgaben sehen Sie noch als dringlich für diese und in dieser Kirche an?
Als evangelische Kirche ist es unsere Aufgabe, unsere Stimme in das Gespräch einer pluralen Gesellschaft mit vielen Religionen und Weltanschauungen einzubringen – nicht dominant, sondern hörbereit. Also inmitten Anderer klar und kenntlich zu machen, was es heißt, in einer evangelischen Haltung durchs Leben zu gehen.
Die Aufgaben und Themen sind dabei immer die Aufgaben und Themen der Menschen, inmitten derer, für die und mit denen wir Kirche sind. Das sind zum einen die Fragen, die alle Menschen existentiell betreffen: Worauf traue ich, was hilft mir in aller Not – und wo ist ein Ort für mich, wo Freude, aber auch Kummer und Jammer ihren Platz haben dürfen?
Zum anderen sind es die Fragen, die uns Menschen in unserem Zusammenleben bewegen: Was tragen wir bei zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft hier, aber auch in der ganzen Welt? Das betrifft zum Beispiel Stichworte wie Klimawandel und Globalisierung.
An vielen Stellen müssen wir lokale Lösungen für globale Herausforderungen finden – das ist nicht einfach, weil es uns mit einer Komplexität konfrontiert, die leicht überfordern kann. Aber wir können eintragen, was wir aus dem ökumenischen Dialog mit unseren Partnern weltweit lernen.

Wie kann das gelingen?
Die Herausforderung ist, in unterschiedlichen Situationen von einer gemeinsamen Basis her jeweils angemessene und passende Antworten zu finden, auch kirchenintern. Wir werden zum Beispiel bei Kirchengesetzen gut darauf sehen, wie wir im Grundsatz klar beieinander sind und sozusagen unter einem gemeinsamen Mantel verschiedene Möglichkeiten für situationsgerechte Lösungen bieten.
Das ist kein einfaches Unterfangen, wird aber wichtig sein, damit unterschiedliche kirchliche Lebenswirklichkeiten unter dem einem Nordkirchendach gut aufgehoben sind.

Was bedeutet das für Ihr neues Leitungsamt?
Für mich ist es wichtig, auch als Person das zu vertreten, was unsere Nordkirchenverfassung als Integrationsaufgabe des Bischofsamtes beschreibt. Der Blick auf das Gemeinsame in allen Unterschiedlichkeiten ist dabei zentral – und das wird gut möglich sein, wenn ich viel unterwegs bin und so unterschiedliche Situationen wahrnehme.
In reformatorischer Tradition gehört zum geistlichen Leitungsamt die Visitation, also das Wahrnehmen von dem, wie sich Kirche vor Ort gestaltet. Und das heißt vor allem, Besuche zu machen.
In der Bischofskanzlei in Schwerin planen wir gerade eine Besuchsreise, bei der ich innerhalb eines Jahres möglichst alle Kirchenkreise und Hauptbereiche besuchen kann. Ein besonderer Fokus soll dabei darauf liegen, ob und wie sich Kirche gerade neu aufstellt, welche neuen Formen ausprobiert werden. Bewährtes und Traditionelles soll dabei aber nicht in den Hintergrund geraten.
Ich vertraue darauf, dass Gott bereits an seiner Kirche arbeitet, jetzt und hier. Gott schenkt uns Möglichkeiten. Aus der Fülle dieser Möglichkeiten leben wir – und nicht aus den Unmöglichkeiten und Grenzen statistischer Langzeitprognosen. Gemeinsam mit anderen möchte ich die Möglichkeiten, die Gott uns eröffnet, entdecken und befördern.

Drei Wünsche, die Sie für diese Kirche haben?
Als erster Wunsch, mit einem Vers aus dem Hebräerbrief: „Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“ Der zweite Wunsch: Mögen wir alle auf die Möglichkeiten schauen, die Gott uns aus seiner unbeirrbaren Liebe schenkt. Und der dritte: Lasst uns an der Seite von Christus für alle Menschen da sein, die uns brauchen in Freude und Not – hier vor Ort und auch im Blick auf unsere weltweite Verantwortung.
Möge der Geist Gottes kräftig wirbeln und uns dabei in Bewegung bringen.

Info
Der Festgottesdienst am Pfingstmontag wird ab 14 Uhr im NDR übertragen. Darum erfolgt der letzte Einlass in den Dom um 13.30 Uhr. Er wird aber auch auf den bestuhlten Marktplatz auf Großleinwand übertragen. Dort wird dann auch Abendmahl gefeiert. Anschließend wird es dort eine Open-Air-Kaffeetafel für Einheimische und Gäste geben.

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