Mit Schal, aber ohne Kirchentagsfeeling

Der Klimaschutz, das gemeinsame Abendmahl, der sexuelle Missbrauch in der Kirche – all das waren herausragende Themen des Ökumenischen Kirchentags in Frankfurt. Eine Bilanz.

In Frankfurt ist 2021 ein Ökumenischer Kirchentag über die Bühne gegangen Foto: Tim Wegner / epd
In Frankfurt ist 2021 ein Ökumenischer Kirchentag über die Bühne gegangen Foto: Tim Wegner / epdTim Wegner

Frankfurt . Wie verloren wirkten sie zu Beginn. Ein Dutzend auf einem Hochhaus-Parkdeck in großen Abständen verteilte Gestalten. Ein paar musizierend und singend, andere mal vorlesend, mal vorbetend. In ihren Texten beschworen sie den Frieden auf Erden und die Bewahrung der Schöpfung. Hinter ihnen die Skyline von Frankfurt am Main. Dieser seltsamste aller Eröffnungs-Gottesdienste in der Geschichte von Kirchen- und Katholikentagen am Feiertag Christi Himmelfahrt schien, obwohl seine schüttere Inszenierung vor allem der Pandemie geschuldet war, beklemmend symbolisch.

Statt der Erfahrung einer großen Versammlung von Christen aus ganz Deutschland dominierte die Vereinzelung. Die Teilnehmer saßen übers Land verstreut vor ihren Bildschirmen. Und so konnte sich diesmal das erhebende Gemeinschaftsgefühl erst gar nicht einstellen, das leicht entsteht, wenn Zehntausende gemeinsam das Vaterunser beten oder begeistert davon singen, wie sich Himmel und Erde berühren. Etwas „Kirchentagsfeeling“ versuchten die Mitwirkenden an diesem und den folgenden drei Tagen wenigstens optisch zu vermitteln, indem sie die vertrauten Kirchentagsschals trugen, auf denen das biblische Motto der Veranstaltung („Schaut hin“) zu lesen war.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach beim Abschlussgottesdienst Foto: Tim Wegner / epd
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach beim Abschlussgottesdienst Foto: Tim Wegner / epdTim Wegner

Zuvor wurde in Dutzenden Veranstaltungen versucht, lebendige Kirchentagsformate in die spröde Welt der Videokonferenzen hinüberzuretten. Etwa 160.000 Besucher via Internet zählen die Veranstalter am Ende. Es gab Bibelarbeiten, Workshops und große Foren mit prominenten Politikern. Alle drei Aspiranten auf das Kanzleramt waren da, und auch die Amtsinhaberin gab sich die Ehre – wenn auch ohne Kirchentagsschal und in ihrem Berliner Amt vor bundesregierungsblauem Hintergrund sitzend.


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Merkel wirkte fast enttäuscht darüber, dass es bei ihrem Forum, das dem Klima und der Artenvielfalt gewidmet war, fast nur Konsens unter lauter Klimaschützern gab. Sie, die einst auch bei Kirchentagen heftigen Gegenwind erlebt hat, musste die Mitdiskutanten daran erinnern, dass es draußen im Land auch Menschen gibt, die gegen Windanlagen klagen oder ihre Arbeitsplätze in der Kohleindustrie verteidigen.

Obwohl an diesem ÖKT weder „Klimaleugner“, noch „Querdenker“, „Rechte Populisten“ oder andere Störenfriede teilnahmen, und obwohl viele Debatten sogar vorproduziert und damit frei von Eskalationsrisiken waren, gab es doch auch einige wenige Kontroversen. Eine davon drehte sich um den Umgang der evangelischen Kirche mit den Betroffenen sexuellen Missbrauchs durch Geistliche. Die EKD hatte kurz vor dem Start des ÖKT ihren Betroffenenbeirat vorläufig ausgesetzt. Und so schlugen bei Betroffenen die Wellen hoch. Beim ÖKT hatten ihnen die Organisatoren erstaunlich wenig Raum gegeben, und eine von ihnen, Katharina Kracht, beklagte sich vehement über die knappe Redezeit.

Eine neue Qualität

Ein anderes Thema, das zum Kern des Ökumene-Themas gehört, erlebte in Frankfurt eine neue Qualität. Christen nahmen an den Liturgien der anderen Konfessionen teil, auch an deren heiligstem Kern, den Mahlfeiern. So nahm die evangelische Kirchentagspräsidentin Bettina Limperg gemeinsam mit dem Limburger Bischof Georg Bätzing an der Eucharistiefeier im Frankfurter Dom teil. Beide empfingen dort die Kommunion, den Gottesdienst zelebrierte der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz.

Das könnte dazu führen, dass der 3. Ökumenische Kirchentag nicht nur wegen seiner digitalen Debatten in die Geschichte der Kirchentage eingehen wird. (KNA)