Mit einem Verbot fing alles an

Seit acht Jahrzehnten betreut die Evangelische Studierendengemeinde (ESG) junge Akademiker. Die ESG mischte sich auch politisch ein – was in den 70er Jahren sogar die Landeskirche auf den Plan rief.

Hamburg. Es begann mit einem Verbot. 1938 stellte die Geheime Staatspolizei die Vereinigung von christlichen Studenten und auch die Neugründung von Studierendengemeinden unter Strafe. Aus Sorge um ihre geistliche Versorgung wandten sich die Studenten an Franz Tügel, den Bischof von Hamburg, der dafür sorgte, dass 1939 Heinz Mülbe als Pastor und Studentenseelsorger zusammen mit der Vikarin Marianne Timm eingesetzt wurde. 
„Faktisch hat die Vikarin zehn Jahre lang im Grunde als heimliche Studentenpastorin diese Gemeinde geleitet“, berichtet Gisela Groß-Ikkache, die seit vier Jahren Pastorin der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) ist. „Es gibt keine Gründungsurkunde. Aber es gab hier einen Pastor, der offiziell für die Versorgung der Studierenden zuständig war.“

Bibelkreis als politische Aktion

Der Schwerpunkt der Arbeit lag auf dem Gespräch von Studenten über biblische Themen. „Wenn man heute in einen Bibelkreis geht, dann kommt man vielleicht als Letztes auf die Idee, dass das eine politische Aktion ist, aber wenn das in einer totalitären Herrschaft passiert, die so etwas gar nicht zugelassen hat, dann ist das natürlich auch eine politische Aktion“, beschreibt Christof Jaeger, Leiter der Studentischen Telefonseelsorge, die zur ESG gehört.
Eine richtige Studentengemeinde konnte erst nach dem Krieg entstehen. Bekannt wurde die Hamburger ESG innerhalb der damaligen Hamburger Landeskirche, weil sie vielen verschiedenen politischen Gruppen ihre Räume zur Verfügung gestellt hat. „Man hat damals gesagt: Wir unterstützen nicht alle Inhalte, aber wir wollen dafür sorgen, dass Menschen sich zusammenfinden können und Menschen sich artikulieren können. Daher hatte die Hamburger ESG den Ruf einer sehr politischen ESG“, erzählt Groß-Ikkache. 
Diese politische Arbeit, die Vergabe von Räumen an kommunistischen und sozialistischen Gruppen einschloss, führte aber auch zu Konflikten mit der Kirchenleitung: 1978 ließ die Nordelbische Landeskirche die Räumlichkeiten der ESG im Martin-Luther-King-Haus mit Hilfe der Polizei räumen und schließen. In der Begründung hieß es: „Die Kirche hat sich nicht dem Diktat politischer Extremisten, sondern ihrem Herrn zu beugen.“ Die Schließung wurde zwar nach Protesten der Studenten wieder rückgängig gemacht, aber es setzte eine Phase einer Entpolitisierung und Dezentralisierung der ESG ein. Ein Punkt dabei war die Fokussierung auf die seelsorgerlichen Aufgaben für die Studierenden. Daher wurde unter anderem die studentische Telefonseelsorge gegründet, in der bis heute Studenten verschiedener Fachrichtungen ausgebildet werden. 

Festgottesdienst mit Bischöfin

Heute ist ein wichtiges Arbeitsfeld der ESG neben der Telefonseelsorge die Arbeit mit internationalen Studenten, die von der Gemeinde begleitet werden, damit sie einen leichteren Start in ihr Studium in Deutschland haben. Dazu gibt es jedes Semester ein ausführliches Programm mit Vorträgen, Workshops, Gottesdiensten und Taizé-Andachten. „Der Kern der ESG ist, dass es ein offenes Forum ist, in das jeder sich mit seinen eigenen Anliegen einbringen und das jeder mitgestalten kann. Man hat dort die Möglichkeit mit Studierenden aus ganz unterschiedlichen Studienfächern ins Gespräch zu kommen“, betont Groß-Ikkache.
Die Feier des 80. Geburtstags beginnt am Donnerstag, 1. November, mit einem Konzert des ESG-Chores in St. Andreas und wird am Sonnabend, 3. November, mit einem Festgottesdienst in St. Katharinen mit Bischöfin Kirsten Fehrs fortgeführt. Am Abend wird es, ganz im Stile der Gründungsjahre, einen Crash-Kurs im Lindy Hop geben und fröhlich Swing getanzt werden. „Ich hoffe, dass viele unterschiedliche Generationen der ESG dort sein werden und von ihren Erfahrungen mit der ESG erzählen werden.“, wünscht sich Christof Jaeger für den Abend.
Info
Die Feier beginnt am Donnerstag, 1. November, um 19 Uhr mit einem Konzert in der Kirchengemeinde St. Andreas, Bogenstraße 26. Der Jubiläumsgottesdienst mit Bischöfin Kirsten Fehrs findet am Sonnabend, 3. November, um 16 Uhr in der Hauptkirche St. Katharinen statt. Um 20:30 Uhr startet in den Räumen der ESG, Grindelallee 43, der Crash-Kurs Lindy Hop und Tanzen mit der Swingwerkstatt Hamburg. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei.