„Militärseelsorge – eine Chance zu Mission“

Die Botschaft Jesu Christi „Liebet eure Feinde“ steht scheinbar im Widerspruch zum Einsatz von Pfarrern in der Bundeswehr. Dazu nimmt der Leitende Militärdekan Armin Wenzel im Gespräch mit Michael Eberstein Stellung.

Wenn es heißt, Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, warum leistet sich die Kirche dann eine Militärseelsorge?
Armin Wenzel: Das ist einfach zu beantworten: Es gibt unter den Soldaten eine große Zahl von Christen, die ihren Beruf in christlicher Verantwortung wahrnehmen. Diese begleiten die Militärseelsorger in kritischer Solidarität. Sie wenden sich aber auch den Menschen in der Bundeswehr zu, die keinen Glauben haben, denn auch sie befinden sich oft in einer seelischen Spannung, sei es im Einsatz oder auch nur wegen der Trennung von ihrer Familie. Diesen Gehör und Beistand zu schenken, ist eine zutiefst kirchliche Aufgabe.
Können aber Militärseelsorger die christliche Friedensbotschaft überhaupt vermitteln, ohne dass sie die militärische Disziplin unterlaufen?
In ihrer Funktion als Pfarrer können und müssen sie sogar die Friedensbotschaft in voller Gänze vermitteln. Das untergräbt nicht die militärische Führung. Denn kein Soldat will wirklich in den Krieg ziehen und Menschen verletzen oder töten; er liebt wie andere auch den Frieden. Auftrag der evangelischen Kirche ist daher auch, Gesprächspartner der Politiker zu sein, die ja über Bundeswehreinsätze entscheiden. Sie müssen erinnert werden, dass Krieg nur die allerletzte Möglichkeit ihrer Entscheidung sein kann und darf.
Im Osten Deutschlands gab es nach der Wiedervereinigung lange Widerstände gegen die Erweiterung der Militärseelsorge auch auf die neuen Bundesländer. Erst 2004 kam es zu dem Kompromiss, der auch dort eine „Seelsorge in der Bundeswehr“ ermöglicht. Sind die Widerstände heute überwunden?
In der Bundeswehr insgesamt gibt es keinerlei Argwohn. Im Gegenteil: Dass die Kirche in der Kaserne ist, wird überall, auch im Osten, akzeptiert. Wohl gibt es in der Kirche aber noch Vorbehalte. Die sind historisch bedingt und gut begründet. Die Kirchen in der DDR mussten einen anderen Weg in der Diktatur einschlagen. Ich werbe immer wieder, sich gegenseitig mit Respekt zu begegnen. Und nicht zuletzt verweise ich auf die damit verbundene missionarische Chance, im Alltag der Soldaten präsent zu sein.
Wäre der „Lebenskundliche Unterricht“ nicht eher eine Aufgabe des Arbeitgebers Bundeswehr?
Nun, die Kirche ist in diesem Fall vom Staat beauftragt worden. Wohl auch wegen ihrer Kompetenz in ethischen und gesellschaftlichen Fragen. Vor allem aber, weil die Militärpfarrer  auch Bundesbeamte sind, die allerdings ihren kirchlichen Status behalten. Die Inhalte orientieren sich deshalb an berufsethischen, kulturellen und gesellschaftlichen Themen sowie an Grenzfragen von Leben und Tod.  Deshalb ist es gut, dass die evangelische und katholische Militärseelsorge mit dem Lebenskundlichen Unterricht beauftragt ist.
Am Standort werden von den Militärseelsorgern Freizeiten, Ausflüge und Familienrüstzeiten angeboten. Besonders beliebt sind die mancherorts angebotenen Currywürste. Ist die Kirche zu einem weiteren Freizeitanbieter geworden?
In keinem Fall. Alle Angebote richten sich nach den Wünschen der Soldaten und ihrer Familien. Aber ob Gottesdienst, Rüstzeit oder Lebenskundlicher Unterricht – es geht um die inhaltliche Arbeit. Bei den Freizeitangeboten mag die Gemeinschaft wichtig sein, der Inhalt aber hat den höheren Stellenwert. Und das wird auch von den Teilnehmern so gewünscht.