Ethik-Expertin Petra Bahr im Interview über Corona

„Jetzt ist mehr Selbstverantwortung gefragt“ 

Die Regionalbischöfin Petra Bahr aus Hannover ist in den Deutschen Ethikrat berufen worden. Hier spricht sie über Verschwörungstheorien und sagt, was jetzt Mut macht.

Petra Bahr

von Michael Grau und Daniel Behrendt

Frau Bahr, Deutschland hat ja diesen vergangenen Wochen angesichts der Corona-Pandemie eine extreme Situation erlebt, den Shutdown. Das war ein Stresstest für die gesamte Gesellschaft. Hat sie aus ihrer Sicht diesen Test bisher bestanden?
Bahr: Ob ein Stresstest bestanden ist, kann man erst sehr viel später wissen. Viele Bürgerinnen und Bürger haben sich an das gehalten, was ja nicht nur von der Bundesregierung angeordnet wurde, sicher aber auch dem Impuls einer inneren Vorsicht folgte. In der Phase, die jetzt anbricht, wird es viel schwieriger. Jetzt ist ein größeres Maß an Selbstverantwortung gefragt. Nicht Verbote, sondern zu fragen: Was können die Folgen meines Handelns sein, für mich und für andere?

Ist das aus Ihrer Sicht zu viel Eigenverantwortung?
Als evangelische Theologin wähle ich im Zweifel die Option der Freiheit. Die heftigen Einschränkungen der Freiheitsrechte können nur zeitweise ausgehalten werden. Selbst Verantwortung zu haben, macht stark. Aber die Schwäche daran ist eben eine latente Überforderung, die selbst bei denen droht, die sehr gut informiert sind und die alles richtig machen wollen. Ich wünsche mir, dass eine Atmosphäre der gelassenen Disziplin entsteht. Weder Denunziation noch ein Egoismus, dem die Gesundheit der anderen egal ist.

In den vergangenen Wochen hat es ja mit der Disziplin ganz gut geklappt. Worauf führen Sie das zurück?
Neben den Verboten war es sicher der kollektive Schock. Niemand außer den Pandemie-Experten hat damit gerechnet, dass das, was theoretisch immer möglich war, tatsächlich geschieht. Plötzlich sind wir Zeitzeuginnen und Zeitzeugen einer Jahrhundertkrise. Dazu die Macht der Bilder: Katastrophenbilder aus Bergamo, New York, Paris, Madrid. Die Szenen von Massengräbern und die erschütternden Geschichten erschöpfter Mediziner haben dazu geführt, dass schnell klar war: Das müssen wir unbedingt verhindern.

In vielen Pflegeheimen herrschte Besuchsverbot Foto: Annette Zoepf / epd

Wenn die Vorsichtsmaßnahmen jetzt mehr und mehr in die private Verantwortung gelegt werden, setzt man bestimmte Gruppen einem höheren Risiko aus, zum Beispiel die Menschen mit Vorerkrankungen. Sollte man zu deren Schutz nicht doch besser klare und bundeseinheitliche Regeln haben?
Für wen genau? In Diagrammen lassen sich die Risikogruppen schnell ausmachen. Es sind die Hochbetagten. Aber was ist mit dem herzkranken Vater von zwei Grundschulkindern? Der Asthmatikerin, die im Einzelhandel arbeitet? In Wirklichkeit ist es nicht einfach, diejenigen mit dem vermuteten höheren Risiko schwerer Krankheitsverläufe vom gesellschaftlichen Leben isolieren. Tragisch daran ist doch, dass wir es gerade in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen nicht geschafft haben, die besonders verletzlichen Menschen zu schützen. Da helfen nur Tests.

Welche Appelle brauchen wir jetzt, welche Botschaften?
Appelle richten weniger aus als plausible, nachvollziehbare Beschreibungen möglicher Folgen. Wer sich jetzt alle Freiheiten nimmt und sich für unverletzlich hält, kann unter Umständen in der nächsten Woche schon in einer dramatischen Situation stecken – und erwartet dann trotzdem bestmögliche Gesundheitsversorgung. Schwierig bleibt es, deutlich zu machen, dass ich mit meiner Vorsicht auch andere Menschen schütze. Vorbilder braucht es, auch eine weniger deutliche öffentliche Fixierung auf die, die so tun, als gäbe es das Virus nicht.

Erstmals in der Geschichte stellen wir den Gesundheitsschutz über alle anderen Güter. Was sagt das über uns?
Ich finde, dass es eine gute Nachricht ist, dass mich der Tod und die Krankheit des anderen etwas angeht, selbst wenn ich selber gesund bin. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der die potenzielle Gefährdung und auch der Tod anderer Menschen mir egal sein kann, weil mein individuelles Freiheitsrecht so hoch zu bewerten ist, dass die andern nicht zählen.

Es gibt Leute, die sprechen inzwischen von einer Gesundheitsdiktatur. Stimmen Sie da zu?
Nein. In einer Diktatur zu leben, hieße, diesen Satz gar nicht sagen zu dürfen. Sogar der offene Deutungsstreit in den Lebenswissenschaften kann in Echtzeit verfolgt werden. Das mag verunsichern, weil so viel Ungewissheit ausgehalten werden muss. Was darf im Augenblick nicht alles behauptet und verbreitet werden! In einer Demokratie muss ich allerdings damit rechnen, dass mir genauso vehement widersprochen wird.

Foto: Pete Linforth / Pixabay

Haben Sie Verständnis dafür, wenn Menschen im Namen der Meinungsfreiheit gegen Corona-Beschränkungen demonstrieren?
Es ist ein großes Freiheitsrecht, Dinge anders zu beurteilen oder auch einfach nicht einsehen zu wollen. Das muss eine liberale Demokratie aushalten. Was ich schwer erträglich finde, ist die Mischung aus Wut und Verschwörungsmythen und einer gehörigen Portion Egoismus oder auch dem politischen Kalkül, das sich mit Gewalt und Umsturzplänen auflädt. Diese Maskerade muss immer wieder entlarvt werden.

Unter den Demonstranten sind teilweise Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker, aber als Trittbrettfahrer könnten sich auch Verzweifelte dranhängen, die durch die Krise arg gebeutelt werden. Wie kriegt man die jetzt eingefangen?
In der Tat ist es richtig, dass diejenigen, die vorher schon schwach waren, durch diese Pandemie auch am meisten zu verlieren haben und auch schon am meisten verloren haben. Ganz besonders stark sieht man das in den USA. Die Angst vor der eigenen Zukunft und existenzielle Not hat das Zeug zu sozialem und politischem Sprengstoff.

Wir hatten ja bisher lange die Maxime, dass eine gute Wirtschaftspolitik auch eine gute Sozialpolitik ist. Müssen wir jetzt noch mehr unmittelbar in den Sozialstaat investieren?
Das allein hat auch schon vor Corona gegen Populismus nicht geholfen. Das Auskommen war nicht entscheidend für die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien. Und es sind weniger diejenigen, die existenziell am Boden liegen, die da jetzt demonstrieren. Sondern besonders anfällig für Verschwörungstheorien sind nachweislich Männer mittleren Alters, die eigentlich ganz gut verdienen. Alleinerziehende Frauen zählen viel eher zu den Verliererinnen, weil sie Jobs schneller verlieren und gleichzeitig Kinder zu Hause beschulen und betreuen müssen. Bei den Demos sieht man deutlich mehr Männer.

Viele Geschäfte leiden unter der Corona-Pandemie Foto: Steffen Schellhorn / epd

Nun hat ja diese Pandemie bislang ziemlich viel kaputt gemacht. Unternehmen sind pleite gegangen, Restaurants ebenso. Glauben Sie, dass dieser Weg angesichts dieses hohen Preises verantwortungsvoll war?
Was wäre die Alternative gewesen? Was wäre passiert, wenn es keinen Shutdown gegeben hätte bei exponentiellem Wachstum von Infizierten? Das wäre fürchterlich geworden. Gesundheit ist im Übrigen auch ökonomisch äußerst bedeutsam.

Brauchen wir einen starken Staat, um mit solchen Situationen wie jetzt fertig zu werden?
Jedenfalls merken wir doch alle, dass es eine gute Idee ist, einen Staat zu haben, der sich im Rahmen einer Verfassungsordnung der Verantwortung nicht entzieht. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Krise in Deutschland erlebe und nicht woanders.

Was macht Ihnen Mut in dieser Krise?
Menschen, die Zuversicht ausstrahlen, ohne billige Mutmachparolen durchzugeben, die Ratlosigkeit zugeben können und in dieser Lücke der Sicherheit Erneuerung nicht ausschließen. Dann gibt es so eine trotzige Kreativität, Menschen, die skeptisch bleiben gegenüber der Sehnsucht danach, das alles wieder so sein soll, wie es vor der Pandemie war. Kinder sind gut darin, das, was gerade passiert, nicht nur als Horror, sondern auch als Abenteuer zu begreifen, das eben nicht das Schlechteste, sondern das Beste aus ihnen hervorlockt. (epd)

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