Wenig Nachwuchs, schlechte Bezahlung

In der Altenpflege herrscht Land unter

Altenpflege wird schlecht bezahlt. Nicht zuletzt deshalb sind die ländlichen Regionen chronisch unterbesetzt. Das Dilemma aus drei Perspektiven.

Wenig Zeit für einen Kaffee: Pflegerin Catarina Herold-Brommann und Hildegard Peters

von Thorge Rühmann

Die Pflegerin: Morgens um 6 Uhr geht es los. „Dann mache ich die erste Pflege“, berichtet Catarina Herold-Brommann. Sie hilft alten Menschen aus dem Bett, wäscht sie während der Morgentoilette, frühstückt und betreut die Senioren. 18 Mitarbeiter sind im ambulanten Pflegedienst der Diakonie Altholstein im Bereich Bad Bramstedt als Pflege-, Service- und Betreuungsfachkräfte beschäftigt, Herold-Brommann leitet das Team. Es könnten doppelt so viele sein – und sie hätte trotzdem genügend für alle zu tun. Doch es fehlt an qualifiziertem Personal. Sie appelliert an die Verantwortlichen: "Wir brauchen Pflegekräfte. Dringend!"
Sie zeigt auf den Dienstplan in der Station. Die Ausfälle sind rot markiert. Das bedeutet Dauerstress: „Die Zeit sitzt uns ständig im Nacken. Wir sind alle überlastet, da werden viele krank.“ Was macht die Altenpflege auf dem Land so schwierig? Das größte Problem ist der Personal-Engpass, so Herold-Brommann. Die Ausbildungsbedingungen müssen dringend verbessert werden, fordert sie. Finanziell, aber auch inhaltlich. Jugendliche sollten sensibel herangeführt werden an die Pflege – und an die psychischen Belastungen, die diese mit sich bringen kann. Sie schlägt bessere Angebote für Quer- und Wiedereinsteiger in den Beruf vor: „Da müssen sich unsere Politiker echt etwas einfallen lassen.“

Die schönen Seiten des Pflegeberufs

Neben dem fehlenden Personal geht es auch um finanzielle Unterschiede. In der Stadt liegen Arztpraxis, Pflegedienst und Kunden dicht beieinander. Doch auf dem Land ist das anders: „Die Anfahrtspauschale, die wir abrechnen dürfen, beträgt 3 bis 4 Euro pro Kunde. Das reicht nicht. Es sind Kilometer ohne Ende, die wir hier zu unseren Kunden fahren müssen.“
Der Beruf hat auch schöne Seiten – ganz nah kommt der Pflegende den alten Menschen, kann sie motivieren, ihnen helfen. In der Pflege, aber auch im Bereich der Betreuung: Herold-Brommann nennt das Beispiel eines alten Kapitäns, an Demenz erkrankt, der von ihrem Team betreut wird. Eine Mitarbeiterin besuchte den alten Mann, legte einen Tampen auf den Tisch. An dem groben Stück Tau entspann sich ein Gespräch, das ihn aus seiner geistigen Isoliertheit zog. Bei anderen Senioren funktioniert das mit Waschbrettern, mit Katzenbildern oder mit dem Singen alter Lieder.
Die Seniorin: Fotos von ihrer Familie bringen auch Hildegard Peters dazu, aus ihrem Leben zu erzählen. Ihr Tag beginnt mit dem Frühstück pünktlich um acht Uhr. Dann sitzt sie am Küchentisch, isst ein Marmeladenbrot und trinkt Kaffee. Sie lebt in Wiemersdorf, mitten auf dem "platten Land", seit 46 Jahren. Die Seniorin ist 88 Jahre alt. „Ich habe keine Beschwerden, ich bin glücklich", sagt sie und fährt in ihrem Rollstuhl durch ihre Wohnung im Parterre.
Ihr Sohn Diethelm, 68 Jahre, der mit seiner Frau eine Etage höher wohnt, hilft ihr häufig. Auch Schwägerin und Bruder kümmern sich. Diethelm Peters stellt klar: „Wir haben viel Gutes gehabt von unseren Eltern. Ins Altenheim kommt Muttern nicht!" Wichtig ist der Familie, dass die Qualität der Pflege stimmt – und die gewohnten Zeiten eingehalten werden. Dass das Pflegepersonal stets unter Zeitdruck arbeitet, fällt auf: „Das ist traurig, was die Politik und die Krankenkassen machen. Doch der Pflegedienst kann nichts dafür. Ich bewundere, was die Menschen trotzdem noch leisten – wir können Gott danken, dass es die Diakonie gibt“, sagt Peters junior.
Die Experten: Die Diakonie Altholstein machte beim Jahresempfang auf den Pflegenotstand aufmerksam. Unter dem Titel "Bauer sucht Pflegerin" diskutierten Experten mögliche Lösungswege. Jürgen Gohde vom Kuratorium Deutsche Altershilfe nannte die noch ungelöste Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit eine Schlüsselfrage. Die Versorgungslücke werde ständig größer: Zum einen steige die Zahl der Pflegebedürftigen, zum anderen aber nehme die Zahl der Erwerbstätigen ab.

Freiwillige Helfer gefragt

„Mehr Geld, wie es das Pflegestärkungsgesetz II vorsieht, löst das Problem nicht: Der Ressourcendruck muss Innovationen freisetzen!" Solche Positiv-Beispiele sind sogenannte „Kümmerer“ und „Rinkieker“, die als freiwillige Helfer die Senioren unterstützen. Karin Grandt vom Kreis Segeberg schlug vor, beispielsweise das Elternzeit-Modell auf den Bereich der Altenhilfe zu übertragen, um die Sorgearbeit besser unterstützen zu können. Grandt: „Altenpflege darf nicht unsexy sein. Die Lösung liegt vor uns – aber es braucht einen Bewusstseinswandel, damit es funktioniert."
AOK Nordwest-Geschäftsführer Thomas Haeger nannte Zahlen aus der Altenpflege im Norden. Laut Pflegereport der Kasse gibt es 2016 rund 2,7 Millionen Pflegebedürftige in Schleswig-Holstein. 71 Prozent davon würden ambulant betreut. Ein Drittel der Pflegenden arbeite in Voll-, ein Drittel in Teilzeit und ein weiteres Drittel leiste die Sorgearbeit, ohne dafür ein Entgelt zu bekommen. Insbesondere das Überleitungsmanagement ab dem Krankenhaus müsse verbessert werden, so Haeger: Es muss etwas geben zwischen vollstationärer und ambulanter Behandlung." Mit 84 Jahren durchschnittlich werden Senioren pflegebedürftig. Laut Anette Langner, Staatssekretärin im Sozialministerium, trage das Land gerade  Best-Practice-Beispiele aus den Kommunen zusammen – ein Baustein von vielen, die die Datengrundlage bilden sollen für den Pflegereport Schleswig-Holstein.

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