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Immer weniger Serben wollen noch in die EU

Das Gipfeltreffen zwischen der EU und den Westbalkan-Staaten in Brüssel hat Serbiens Staatschef Vucic boykottiert. Droht der Beitrittskandidat der EU zu entgleiten?

Neues Jahr, neue Chance? Nicht, wenn es um Serbien und seine Aussicht auf einen baldigen EU-Beitritt geht. Das Westbalkan-Land befindet sich seit 14 Jahren in Warteposition und muss zusehen, wie es auf dem Weg nach Brüssel von seinen regionalen Nachbarn Montenegro und Albanien überholt wird. Das schürt Frustration, wie eine jüngste Umfrage aus Belgrad ergab: Nur etwa ein Drittel der Serben will überhaupt noch der EU beitreten.

Laut der Erhebung des Belgrader Thinktanks Zentrum für zeitgenössische Politik (CSP) sind nur noch 36 Prozent der Bevölkerung EU-Befürworter. Und die Zustimmung sinkt rapide. Vor 15 Jahren sprachen sich noch 70 Prozent für einen Beitritt aus, in den Jahren danach lag der Anteil zumindest über 50 Prozent. Beachtlich ist laut CSP auch die Quote der Befragten, die einen Beitritt ausdrücklich ablehnen. Sie sind mit 33 Prozent inzwischen fast so viele wie die EU-Befürworter.

Wer für die Vertrauenskrise der EU verantwortlich ist, darüber streiten Beobachter: Eine autoritär gestrickte Regierung, die in nahestehenden Medien regelmäßig antiwestliche Ressentiments schürt? Oder doch die EU-Mitglieder, die den Beitrittsprozess des Westbalkans über Jahre ausgebremst haben? Die Belgrader Europa-Expertin Bojana Selakovic ist überzeugt: beide Seiten.

“Die Regierung von Aleksandar Vucic hat die EU-Mitgliedschaft formell zwar nicht aufgegeben, tatsächlich aber war der Beitritt nie ihr Ziel”, sagt Selakovic, Koordinatorin der serbischen Bürgerplattform “Nationalkonvent zur Europäischen Union”. Und auch für die EU schien das ewige Warten ein akzeptabler Status quo über die Jahre. So habe Brüssel quasi eine “offene Ehe” mit Belgrad geführt, während Vucic enge Beziehungen zu China und Russland knüpfte. Bei Wahlmanipulation oder der Beschneidung von Presse und Opposition drückte Brüssel schon mal ein Auge zu. Im Gegenzug sorgte Belgrad für angespannte Ruhe in der Region. “Stabilokratie” nannten das die Kritiker.

Damit ist es jetzt aber vorbei. Seit gut einem Jahr ist Serbien im politischen Ausnahmezustand. Nach dem Bahnhofsunglück von Novi Sad am 1. November 2024, bei dem 16 Menschen starben, kam es wöchentlich zu Protesten. Für dieses Jahr kündigte Vucic vorgezogene Parlamentswahlen an – eine von vielen Forderungen der demonstrierenden Studenten.

Auch die EU hat Serbiens Regierung wegen Vorwürfen von Gewalt gegen Demonstranten und Journalisten wieder auf dem Radar. Um die Verhandlungen wiederzubeleben, drängen die Brüsseler Diplomaten auf Reformen, etwa bei der Rechtsstaatlichkeit oder im Streit mit dem Kosovo. Für ihr angekratztes Image komme diese Kehrtwende aber recht spät, findet Selakovic: “Der Schaden ist bereits angerichtet. Die europäische Agenda hat in Serbien an Glaubwürdigkeit verloren, während die Regierung ihre Macht ohne wirkliche Einschränkungen festigen konnte.”

Selbst unter vielen jungen, proeuropäischen Serben hat die augenscheinliche Allmacht der regierenden Serbischen Fortschrittspartei (SNS) die EU-Verdrossenheit verstärkt: Sie wollen zwar weiterhin in die Union – keinesfalls aber einen Freifahrtschein für die Vucic-Regierung. Dabei findet die EU bei den Jungen noch am meisten Anklang. So weiß Selakovic: “Sie sind die einzige Generation, die die EU als selbstverständliches Instrument für Lebenschancen wahrnimmt: Mobilität, offene Grenzen, Bildung, Zugang zum Arbeitsmarkt und Rechtssicherheit.”

Eine Eurobarometer-Umfrage von September 2025 bestätigt die jüngsten Umfrageergebnisse aus Serbien. Zusätzlich wurden die Serben darin zu ihrem Vertrauen in die Weltmächte gefragt. Das Fazit: 59 Prozent trauen Russland, 57 Prozent China, nur 38 Prozent der EU. Laut Selakovic rührt die hohe Zustimmung weniger von einer echten Verbundenheit zu Russland oder China. Viel eher sei sie Folge einer konsequenten Außenpolitik: “Diese Akteure stellen keine Fragen zu Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit oder Korruption.” Das fänden viele Serben “fair und vorausschaubar” – im Gegensatz zu einem ambivalenten EU-Kurs.

Langfristig müssen sich Europas Akteure laut der Expertin entscheiden: Soll der Westbalkan bloß ein “Ort der verwalteten Stabilität” bleiben oder vollwertiges Mitglied in seinen Reihen werden? Selakovic meint: “Die Antwort darauf wird nicht nur über Serbiens Zukunft entscheiden, sondern über die Glaubwürdigkeit des europäischen Projekts.”