Hier funktioniert die Geschichte als Konjunktiv

„Was wäre gewesen, wenn…“ – diese Frage stellt eine Berliner Ausstellung zu Wegmarken der deutschen Geschichte. Ein kurioser Rundgang durch die Historie.

Dass es anders hätte kommen können, möchte man sich bei der Vereinigung eigentlich nicht vorstellen
Dass es anders hätte kommen können, möchte man sich bei der Vereinigung eigentlich nicht vorstellenepd-bild/Juergen Blume

Berlin. Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine attackierte, war die Ausstellung „Roads not Taken. Oder: Es hätte auch anders kommen können“ im Deutschen Historischen Museum (DHM) Berlin längst konzipiert und fertig. Dennoch schwebt dieser Angriffskrieg in Europa wie unsichtbar über der ab Freitag zu sehenden Schau und macht sie topaktuell. Denn er wirft genau die „Was-wäre-gewesen-wenn?“-Fragen auf, die auch die Ausstellung mit Blick auf die deutsche Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert thematisiert: „Wann waren Optionen da, wo führten eine Handlung oder das Unterlassen einer Handlung zu einer Zäsur, einer Wegmarke“, sagte DHM-Präsident Raphael Gross.

Nach einer Idee des deutsch-israelischen Historikers Dan Diner bildet „Roads not Taken“ einschneidende Ereignisse zwischen 1848 und 1989 ab und stellt ihnen Entwicklungen gegenüber, die ebenfalls möglich gewesen wären, so aber nicht stattfanden. Geschichte sei immer auch „eine Anhäufung von Unerwartetem und auch Zufällen“, erklärte Diner.

Alternative Geschichte auch in Büchern

Als Beispiele thematisiert die Ausstellung etwa den Fall der Berliner Mauer 1989, das gescheiterte Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt (1913-1992) 1972 oder die Konfrontation sowjetischer und amerikanischer Panzer am Checkpoint Charlie 1961: Die Ereignisse hätten sich immer auch anders abspielen können, als es letztlich der Fall war. „Auch in Geschichtsbüchern kommen oftmals die Möglichkeiten zu kurz“, sagte Gross.

Es hätte anders kommen können – auch mit der Trauernden Germania aus Bad Kissingen
Es hätte anders kommen können – auch mit der Trauernden Germania aus Bad Kissingenepd-bild/Juergen Blume

So zeigt die Ausstellung auf, dass es nicht zwangsläufig war, dass der Mauerfall am 9. November friedlich verlief – auch ein Militäreinsatz gegen die Bevölkerung wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking wäre wahrscheinlich gewesen, schließlich hatte die DDR zuvor als erster Staat das gewaltsame Vorgehen der chinesischen Führung offiziell gebilligt. Gross betonte jedoch: „Es geht nicht um eine kontrafaktische Geschichtserzählung. Uns interessieren die Momente, zu denen uns als historischem Museum Quellen vorliegen.“

Vor diesem Hintergrund greift „Roads not Taken“ Themen auf wie die Machtübernahme der Nationalsozialisten, den Kalten Krieg, die Ostpolitik sowie Revolution und Demokratisierung. In chronologisch umgekehrter Reihenfolge abgebildet und analysiert werden 14 vergangene Ereignisse, darunter die Stalinnoten von 1952, die Berliner Luftbrücke 1948/49, das Attentat auf Adolf Hitler 1944, der Sturz von Reichskanzler Heinrich Brüning 1932 oder die Revolution 1918.

Wie stellt man alternative Geschichte dar?

„Wichtig war uns, dass wir viele Wegmarken wählen, die auch im öffentlichen Erinnern noch heute eine Rolle spielen, und solche, die wir für das 20. Jahrhundert und unsere Gegenwart für relevant halten“, sagte Gross.

Zu den rund 500 Exponaten zählen Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Dokumente, Filmausschnitte und interaktive Stationen. Es sei eine Herausforderung gewesen, nicht realisierte Möglichkeiten auszustellen, sagte Projektleiter Fritz Backhaus. So erinnern etwa bereits geprägte Münzen an Ereignisse, die nie stattfanden. Zu sehen sind auch Schreiben und Ansprachen, die für bestimmte Anlässe oder Zwecke vorbereitet, aber nie abgeschickt oder gehalten wurden.

Bekannte Fakten im neuen Licht

Inszeniert werden die real erfolgte und die ausgebliebene Geschichte in „Wirklichkeitsräumen“ und „Möglichkeitsräumen“ auf insgesamt 1.000 Quadratmetern. Während erstere die historischen Fakten sachlich in schwarz-weiß gehalten und in klar gegliederten Räumen präsentieren, sind letztere dreidimensional, farbig und illusionistisch: Je nach Standpunkt und Perspektive des Betrachtenden verzerren oder verflüchtigen sich die Bilder. Aus Gedankenspielen wird so auch ein optisches Spiel.

Hinter dem Ausstellungsexperiment, das in Kooperation mit der Alfred Landecker Foundation entstand und bis 24. November 2024 zu sehen ist, steht auch ein pädagogisch-didaktischer Ansatz: Besucher sollten bekannte Fakten in neuem Licht sehen und ihren Blick für die Offenheit von Geschichte schärfen, sagte Diner. Gross betonte, das Publikum werde vor Fragen gestellt, die „Historiker sich am Schreibtisch im Grunde immer auch stellen, wenn sie auf die Geschichte blicken“. (epd)