Evangelische und katholische Christen seit 40 Jahren unter einem Dach

Ein „Leuchtturm der Ökumene“

Sie teilen sich Kirche und Gemeindehaus: Seit 40 Jahren sind in Kiel evangelische und katholische Christen gemeinsam unterwegs. Nur beim Abendmahl gab's mal Ärger.

Das Gemeindefest wird traditionell zusammen gefeiert – wie hier 2009

von Michael Althaus

Kiel. Katholische und evangelische Christen teilen sich dieselbe Kirche? Vielerorts noch undenkbar. Angesichts sinkender Mitgliederzahlen der Religionsgemeinschaften wird jedoch immer häufiger über sogenannte ökumenische Gemeinden nachgedacht. Vor einiger Zeit hatten sich etwa Hannovers evangelischer Landesbischof Ralf Meister und sein katholischer Kollege Heiner Wilmer in Hildesheim für eine solche Zusammenarbeit ausgesprochen.

In Kiel ist dieses Modell längst Realität. Im Stadtteil Mettenhof teilen sich seit 40 Jahren katholische und evangelische Christen Kirche und Gemeindehaus. Gruppen wie Kirchenchor, Seniorenkreis und Flüchtlingstreff werden im Birgitta-Thomas-Haus gemeinsam angeboten; ein Kirchenmusiker und ein Hausmeister sind Angestellte beider Seiten.

Kaum Unterschiede

„Im täglichen Miteinander gibt es bei uns gar keinen Unterschied mehr zwischen evangelisch und katholisch“, sagt Melanie Vollstedt vom Kirchengemeinderat der evangelischen Thomas-Gemeinde. Gelegentlich verirrten sich Katholiken in das Büro der evangelischen Gemeinde und umgekehrt, erzählt Gabriele Pieper aus dem katholischen Gemeindeteam von Sankt Birgitta. Manchmal stelle sich dann erst am Ende eines Gesprächs heraus, dass sie eigentlich eine Tür weiter gemusst hätten.

Für die gemeinsame Kirche werden 1980 die Glocken geliefert Foto: Winfried Fröhlich

Was heute fast selbstverständlich ist, war Pionier-Arbeit. Als Mettenhof in den 1970er-Jahren eine Kirche brauchte, entschieden sich Katholiken und Protestanten für ein gemeinsames Projekt. „Wir waren schon immer ein multikultureller Stadtteil. Das passte einfach hierher“, so Vollstedt. Bei den Kirchenleitungen stießen die Kieler zunächst auf wenig Begeisterung. „Es war viel Überzeugungsarbeit nötig“, so Pieper. Schließlich wurde am 25. Mai 1980, Pfingstsonntag, das gemeinsame Birgitta-Thomas-Haus eingeweiht.

Beim Unterhalt von Grundstück und Gebäude ist jede Konfession für bestimmte Bereiche zuständig. Das bringt auch Probleme mit sich. Pieper: „Wenn eine Glühbirne durchbrennt, müssen wir erst mal klären, ob das nun eine katholische oder eine evangelische Lampe war.“

Getrennte Gottesdienste

Am deutlichsten sichtbar wird der Unterschied bei den Gottesdiensten. Nur zu besonderen Anlässen gibt es ökumenische Feiern, etwa bei Neujahrsempfang, Stadtteilfest oder Pfingsten. Auf ein gemeinsames Abendmahl wird verzichtet. Zu unterschiedlich seien die theologischen Auffassungen bei Eucharistie und Abendmahl.

„Diese Frage hat uns schon einen Pfarrer gekostet“, so Pieper. Vor vielen Jahren hätten beide Gemeinden geplant, an einem Buß- und Bettag in einem ökumenischen Gottesdienst zuerst das Abendmahl und dann die Eucharistie zu feiern. Nach der Beschwerde eines Gemeindemitglieds beim Erzbistum Hamburg wurde die Feier verboten. Der damalige katholische Pfarrer legte daraufhin sein Amt nieder. „Inzwischen haben wir einen guten Weg gefunden, Gottesdienste unter Ausschluss dieser strittigen Fragen miteinander zu feiern“, erklärt Vollstedt.

Einzigartig im Norden

In vielen anderen Punkten wachsen beide Seiten immer näher zusammen. Aktuell überlege man, ökumenische Gottesdienste mit nur noch einem entweder katholischen oder evangelischen Geistlichen zu feiern, sagt Pieper. „Das wäre früher undenkbar gewesen, ist aber jetzt als Reaktion auf den kirchlichen Personal­mangel notwendig.“

Hamburgs katholischer Erzbischof Stefan Heße bezeichnet die Kieler Einrichtung als einen „Leuchtturm der Ökumene“. Ähnliche Projekte könnten von den Erfahrungen dort profitieren. Schleswigs evangelischer Bischof Gothart Magaard hebt hervor: „Bis heute ist dieses ökumenische Zentrum hier im Norden einzigartig.“ In Zeiten, in denen genau überlegt wird, wie viele kirchliche Gebäude erhalten werden können, würden ökumenische Zentren neue Aktualität gewinnen und Chancen bergen. (KNA)

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