Kleine Geschichtsstunde zum Advent

Der Wichernkranz sah ganz anders aus

Weiße Kerzen für die Sonntage, rote Kerzen für die Wochentage – so kennt man den Wichernkranz. Doch wahrscheinlich stimmt diese Farbkombination gar nicht.

Der Wichernkranz im Hamburger Rathaus mit roten und weißen Kerzen (Archivbild)

von Thomas Morell

Hamburg. Im Jahre 1839 wurde der Adventskranz von Johann Hinrich Wichern (1808-1881) in Hamburg erfunden. Doch das traditionelle Bild von dem hölzernen Wagenrad mit den vier großen weißen Kerzen für die Sonntage und den 18 bis 24 kleinen roten Kerzen stimmt offenbar nicht. Es gebe keine Hinweise, dass Wichern die Sonntage und Werktage durch unterschiedlich große Kerzen dargestellt habe, sagte Uwe Mann van Velzen, Sprecher des „Rauhen Hauses“, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Indizien sprächen sogar dafür, dass die Farben anfangs für jeden Tag gleich waren.

Johann Hinrich Wichern, Begründer der evangelischen Diakonie, hatte 1833 ein altes Bauernhaus vor den Toren Hamburgs bezogen und hier das „Rauhe Haus“ gegründet. Es wurde zur Heimat für verwahrloste und verwaiste Kinder aus den Hamburger Elendsvierteln.

Ungeduldige Kinder

Die Kinder hätten ihn ständig gefragt, wann denn nun endlich Weihnachten sei, berichtet die Chronik des „Rauhen Hauses“. Um ihre Frage zu beantworten, aber auch um ihnen das Zählen beizubringen, brachte Wichern auf einem hölzernen Wagenrad so viele Kerzen an, wie es Tage vom ersten Adventssonntag bis Heiligabend waren.

Im Bundestag zündet Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth die erste Kerze an Foto: Christian Ditsch / epd

Anders als der heute übliche Adventskranz mit seinen vier Kerzen variiert beim Wichern-Kranz die Zahl der Kerzen von Jahr zu Jahr, je nachdem auf welchen Wochentag der 24. Dezember fällt. In seinen Erinnerungen schreibt Wichern: „Was gucken die Knaben- und Mädchenaugen so lustig zum Kronleuchter empor? Oh, was sie da sehen, kennen sie wohl. Auf dem Kranz brennt das erste Licht, weil heute der erste Adventstag ist.“

Nach Angaben des „Rauhen Hauses“ gibt es im eigenen Archiv nur ein bildliches Zeugnis vom ursprünglichen Adventskranz. Es ist eine schwarz-weiße Strichzeichnung, die Wichern im Advent im Religionsunterricht zeigt. Oben in dem alten Bauernhaus hängt der Adventskranz. Die Kerzen auf der Zeichnung, so Uwe Mann van Velzen, hätten alle die gleiche Größe. Welche Farbe sie haben, lasse sich auf der Zeichnung nicht erkennen. Wären die Farben unterschiedlich, hätte der Zeichner dies aber vermutlich durch unterschiedliche Schattierungen deutlich gemacht.

Kein Kranz im Rathaus

Seit 1860 etwa wird der Adventskranz mit Tannengrün geschmückt, 1925 übernahm erstmals eine katholische Kirche in Köln den Brauch. 1930 wurde der erste Adventskranz in München gesichtet. Nur die Zahl der Kerzen hatte sich im Laufe der Zeit auf vier reduziert, weil er für die Wohnzimmer der Bürgerhäuser zu groß war. Hätte man die Kerzen enger zusammengerückt, hätten sie sich gegenseitig zum Schmelzen gebracht.

Das „Rauhe Haus“ wird aber vorerst an der Tradition mit den unterschiedlichen Kerzen festhalten. In der alten Kate hängt auch in diesem Jahr ein traditioneller Adventskranz. Auch der Adventskranz im Deutschen Bundestag ist zweifarbig. Wichernsche Adventskränze sind außerdem im Hamburger Michel und der Flussschifferkirche zu finden. Der größte Wichern-Kranz wurde in dieser Woche auf den Lüneburger Wasserturm gehievt. 1,5 Tonnen ist er schwer und hängt in 56 Meter Höhe. Das Hamburger Rathaus hatte in diesem Jahr darauf verzichtet, weil es für Besucher wegen der Pandemie gesperrt ist.

Eigene U-Bahn-Station

Das von Wichern gegründete „Rauhe Haus“ ist stark gewachsen. Aus den anfänglich 14 Jungen sind bis heute mehr als 3.000 Menschen geworden. Die Stiftung ist in der Kinder- und Jugendhilfe, Sozialpsychiatrie, Altenhilfe und Behindertenhilfe an 100 Standorten tätig. Sie ist Trägerin der Wichern-Schule, der Ev. Berufsschule für Altenpflege sowie der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie – und hat sogar eine eigene U-Bahn-Haltestelle. Die kleine Reetdach-Kate, in der Wichern seinen ersten Adventskranz aufstellte, wird heute als Museum und Tagungshaus genutzt. Sie steht heute nicht mehr vor den Toren Hamburgs, sondern mittendrin. (epd)

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