Auf Schatzsuche unter der Kirche

Rund um die Hauptkirche St. Trinitatis soll ein neues Quartier entstehen. Bevor die Bauarbeiter kommen, haben Archäologen gegraben – und überraschende Entdeckungen gemacht.

Gegenstände auf einer Fläche, dahinter Grundmauern und ein Bagger
Gegenstände auf einer Fläche, dahinter Grundmauern und ein Bagger

Hamburg. Bei archäologischen Ausgrabungen im Bereich des alten Stadtzentrums von Hamburg-Altona rund um die Hauptkirche St. Trinitatis ist ein einzigartiges Bodendenkmal-Ensemble freigelegt worden. „Es ist ein ganz besonderer Glücksfall in einer dicht bebauten Großstadt“, sagte Projektleiter Jan Bock von der Grabungsfirma „ArchOn“ bei einer Baustellenbegehung. Neben einzelnen Gräbern und Grundmauern fanden die Experten zahlreiche Alltagsgegenstände und ein großes Sandsteinrelief mit dem Wappen von Altona. Voraussichtlich bis zum Winter führt die Grabungsfirma unter der Federführung des Archäologischen Museums die Untersuchungen durch.

Bislang wurden zahlreiche Hausgrundrisse aus dem 18. Jahrhundert freigelegt und viele Alltagsgenstände gefunden, darunter Keramik, Besteck, Taschenuhren, Nähmaschinen und Glas, das teilweise im Feuersturm der Operation Gomorrha 1943 im Zweiten Weltkrieg geschmolzen ist. „Es ist ein bedrückendes Gefühl, wenn ich mir vorstelle, wie Menschen in diesen Kellern gelebt haben“, sagte Projektleiter Bock.

Knochen werden bestattet

Auch einzelne Gräber aus dem 17. bis 19. Jahrhundert seien bereits freigelegt worden. „Die geborgenen Knochen werden auf dem Friedhof Diebsteich würdevoll nachbestattet“, so Torsten Morche, Pastor an St. Trinitatis. Nach der umfassenden Untersuchung sämtlicher Fundstücke planen die Kirchengemeinde sowie das Archäologische Museum bereits Ausstellungen, um die Funde der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Spuren des Krieges: Der Feuersturm hat diese Glasflasche verformt Foto: Evelyn Sander
Spuren des Krieges: Der Feuersturm hat diese Glasflasche verformt Foto: Evelyn Sander

Nach Abschluss der archäologischen Arbeiten will die Kirchengemeinde auf dem Gelände ein „Trinitatis Quartier“ für soziale und nachbarschaftliche Initiativen bauen. „So holen wir neues Leben in die alte Mitte Altonas“, sagte Pastor Morche. Ausgewählte archäologische Funde will er im Foyer des neuen Gemeindehauses als Dauerausstellung integrieren. Die Grabungen seien nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, sondern auch eine Vergewisserung für die Zukunft, so Propst Karl-Heinrich Melzer. „Wir hoffen, dass wir mit einer behutsamen, sozial verbindenden Bebauung den historischen Bezügen gerecht werden“, sagte der Propst.

Die evangelische Kirche ist eines der wenigen Gebäude, das aus dem historischen Stadtzentrum Altonas erhalten geblieben ist. Umliegende Gebäude wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut. Aktuell werde die Bebauung beidseits der nicht mehr vorhandenen Kibbelstraße untersucht. Bock: „Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir hier so viel finden.“ Es sei eher ein Arbeiterviertel gewesen.

Grünfläche quer durch Altona

Das inklusive Sozial-Quartier, das in den nächsten drei Jahren auf dem Gelände an der Hamburger Fischmarkt-Kirche St. Trinitatis zusätzlich zur Sanierung der Kirche entstehen soll, soll mit Wohnungen für wohnungslose Menschen, einer Kita, Gemeinderäumen und einer Pilgerherberge bebaut werden. Parallel dazu wird neben der Kirche eine größere Grünfläche geschaffen, die Teil eines Grünzuges durch Altona wird.

Warum die Bauarbeiten später starten

Im nächsten Jahr soll mit dem Bau begonnen werden. Die Fertigstellung ist für 2024 geplant. Für wohnungslose Menschen wird eine Beratungsstelle eingerichtet. Außerdem entstehen ein Café und weitere Sozialwohnungen. Die Kirche wurde 1742/43 im damals noch dänischen Altona gebaut. Durch Bombentreffer wurde sie 1943 schwer beschädigt und erst in den 1960er-Jahren wieder aufgebaut. Anders als vor dem Krieg blieben die umliegenden Flächen frei. Der eher schlichte Innenraum der Kirche soll renoviert, aber nicht grundlegend verändert werden.

Die Vorarbeiten für das „Trinitatis-Quartier“ haben sich lange hingezogen. Der städtebauliche Wettbewerb wurde bereits 2017 ausgelobt. Ursprünglich sollten die Bauarbeiten vor einem Jahr beginnen. Ein Grund für die Verzögerung war ein notwendiger Grundstückstausch zwischen Gemeinde und Stadt. (epd)