Als die DDR „Über den Wolken“ boykottieren wollte

Zur Welt kam Reinhard Mey, „als es splitterte und krachte“ – mitten im Zweiten Weltkrieg. Die Themen Krieg und Frieden treiben ihn bis heute um. Ein Porträt zum runden Geburtstag.

„Über den Wolken“ singt er immer noch: Reinhard Mey feiert 80. Geburtstag
„Über den Wolken“ singt er immer noch: Reinhard Mey feiert 80. Geburtstagimago images/Photopress Müller

Frankfurt a. M. Die Zahl seiner Lieder ist Legion, mehr als 500 sollen es sein: Reinhard Mey, der am 21. Dezember 80 Jahre alt wird, hat die meiste Zeit seines Lebens Musik geschrieben, gesungen und Gitarre gespielt. Er hat Menschen und Tiere besungen, sich selbst und seine Familie, Banalitäten und kuriose Begebenheiten ebenso wie die Weltpolitik. Oft geht es in seinen Liedern um seine Leidenschaften – für seine Heimatstadt Berlin und für die Fliegerei. Politisch positioniert er sich gegen Krieg.

Reinhard Mey wurde am 21. Dezember 1942 in Berlin-Wilmersdorf geboren. In „Happy Birthday to me“ sang er 1979: „Als die ersten Bomben fielen, kam ich grade auf die Welt, als es splitterte und krachte, alles hastete und schrie. Ich sah aus, als ob ich lachte …“.

Dann fiel die Mauer

Sein bekanntestes Lied ist wohl „Über den Wolken“, über das Mey selbst sagt: „Das Lied befand sich gut versteckt an Platz 2 auf der B-Seite der LP. Es startete 1974, fand über die Jahre viele Menschen, die es mochten und fliegt heute immer noch.“ Darin beschreibt der passionierte Hobbypilot seine Gefühle beim Beobachten einer startenden Maschine so anschaulich, dass die DDR-Führung ihm dieses Lied eigentlich untersagte, als sie ihm einen Auftritt in der Fernsehsendung „Showkolade“ erlaubte – wegen der „grenzenlosen Freiheit“, von der darin die Rede ist. Zwei Tage vor seinem lange terminierten Auftritt am 11. November 1989 fiel die Mauer und – Mey konnte doch „Über den Wolken“ singen.

Reinhard Mey 1977 bei einem Auftritt in der ZDF-Show „Dalli Dalli“
Reinhard Mey 1977 bei einem Auftritt in der ZDF-Show „Dalli Dalli“imago images/United Archives

Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits seit Jahrzehnten eine international bekannte Größe in der Liedermacher-Szene. Der als zweites Kind einer Lehrerin und eines Rechtsanwalts geborene Musiker lernt als Zwölfjähriger zunächst Klavier, später auch Trompete und Gitarre. 1957 entsteht seine erste Band. 1963 besteht er das Abitur und die französische Abschlussprüfung Baccalauréat am französischen Gymnasium Berlin. Klassenkameradin dort: die spätere SPD-Politikerin Gesine Schwan.

Weitere Weggefährten sind der bereits verstorbene Musiker Ulrich Roski, mit dem er ebenfalls zusammen die Schule besucht hat, außerdem Sängerkollege Klaus Hoffmann und vor allem sein langjähriger Freund Hannes Wader, mit dem er oft zusammen aufgetreten ist.

Betriebswirtschaft studiert

Er macht zunächst eine Ausbildung als Industriekaufmann und studiert später sogar Betriebswirtschaft, doch Meys große Leidenschaft bleibt immer die Musik. Ab 1966 nimmt er französische Chansons auf, startet als „Frédéric Mey“ eine Karriere in Frankreich und heiratet 1967 seine erste Frau Christine, eine Französin. Die Ehe wird 1976 geschieden.

Bereits 1977 heiratet er Freundin Hella, Sohn Frederik kommt auf die Welt. Alle diese Wendungen besingt er in „Happy Birthday to me“: Christine und er hätten sich „ohne Hass und ohne Zorn – ganz leis’“ verloren, doch mit Hella habe er gelernt, „neu zu lieben“. Nach der Geburt des ersten Sohnes entsteht „Menschenjunges“, das bis heute viele junge Eltern inspiriert.

Mit seiner zweiten Frau bekommt Mey außerdem die Kinder Maximilian und Victoria-Luise – der musikalische Widerhall findet sich unter anderem in „Keine ruhige Minute“, „Aller guten Dinge sind drei“ oder „What a lucky man you are“. Sohn Maximilian starb 2014, nur 32 Jahre alt. Mittlerweile ist Reinhard Mey zweifacher Großvater. Mitunter verknüpft er in seinen Liedern die Themen Familie und Politik, etwa in „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ – gemeint ist jeglicher Kriegsdienst.

Anfangs eher unpolitisch

Dominierten in den Anfangsjahren eher unpolitische Songs wie „Der Mörder ist immer der Gärtner“, „Die heiße Schlacht am kalten Buffet“ oder „Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“, positioniert sich der vom Zweiten Weltkrieg geprägte Sänger im Laufe der Jahrzehnte für Frieden und gegen Krieg. 2003 singt er zusammen mit Hannes Wader und Konstantin Wecker Friedenslieder vor einer halben Million Demonstranten, die in Berlin gegen den US-Krieg im Irak protestieren. Im Frühjahr dieses Jahres gehörte Reinhard Mey zu den Unterzeichnern eines Offenen Briefes, der sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine wandte.

Der Liedermacher ist als überzeugter Vegetarier bekannt – und hat auch darüber gesungen, etwa in „Die Würde des Schweins ist unantastbar“. Er wirkt zwar oft wie der sprichwörtliche nette Schwiegersohn, kann aber auch anders: 2002 legt er sich mit Rasen mähenden Nachbarn seines Ferienhauses in Kampen auf Sylt an.

Auf Tournee

Seiner Beliebtheit schaden solche Auseinandersetzungen offenbar nicht. Im Herbst ist er noch auf Tournee gegangen. Seinen Geburtstag will er in aller Stille im Kreis seiner Familie feiern, wie seine Tournee-Managerin Sali Aydin dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte. Mey selbst erklärte in einem Interview mit seiner Tochter, das er wenige Wochen vor seinem Geburtstag auf seiner Homepage veröffentlicht hat: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass durch die Fähigkeit zu verzeihen auch wieder Ruhe und Frieden in dein eigenes Herz einkehrt.“ (epd)