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70 Jahre katholische Militärseelsorge – Einsatz unter Lebensgefahr

Raketen, Bunker, Todesangst: Ein Militärpfarrer berichtet von seinem jüngsten Einsatz in Nahost. 70 Jahre nach der Gründung der katholischen Militärseelsorge der Bundeswehr stellen sich ganz neue Fragen und Aufgaben.

“Die Bedingungen für Seelsorge sind hier ideal – um den Preis, dass es einen das Leben kosten kann.” Wolfgang Reischl ist katholischer Militärpfarrer. Vergangenes Jahr war er von Mai bis September mit seiner Bundeswehr-Einheit in Jordanien und erlebte hautnah den israelisch-iranischen Zwölf-Tage-Krieg mit. Mehr als 45 Mal saß er in dieser Zeit mit Soldatinnen und Soldaten im Bunker, hörte die Einschläge der Mittelstreckenraketen aus dem Iran, teilte mit ihnen den gleichen Gedanken: “Was ist, wenn ich jetzt schwer verletzt werde? Was ist, wenn ich sterbe?”

Zugleich erlebte Reischl, welch tiefes Vertrauen die Soldatinnen und Soldaten in solchen lebensbedrohlichen Situationen in die Seelsorger setzen – ganz gleich, ob sie selbst gläubig seien oder nicht. “Einer sagte: Der Pfarrer ist bei uns im Bunker, da kann uns nichts passieren”, erinnert sich der Pfarrer. “Ein Muslim fragte, ob ich auch für ihn beten könne” – was er natürlich gemacht habe. Die zivilen Ortskräfte, in der Regel Muslime, hätten ihn immer “Abuna” genannt, die arabische Anrede für Geistliche: “Sie haben gesagt: ‘Der Abuna ist da, dann ist es gut.’ Es gab ihnen einfach ein beruhigendes Gefühl.”

Neben Reischl gibt es aktuell rund 80 weitere katholische Militärseelsorger und -seelsorgerinnen bei der Bundeswehr. Ihr Einsatz verdankt sich der Neugründung der katholischen Militärseelsorge vor 70 Jahren, in Abgrenzung zur Seelsorge in der Wehrmacht 1935 bis 1945. Der 4. Februar 1956 gilt als offizielles Gründungsdatum; damals wurde der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Joseph Wendel, zusätzlich zum katholischen Militärbischof für die Bundeswehr ernannt.

Ziel war, ein Zeichen für eine völlig neue Militärseelsorge zu setzen: Dem gewandelten Soldatenbild vom Bürger in Uniform sollte der “zivile” Militärgeistliche entsprechen, der nicht mehr der Weisungsgewalt eines militärischen Kommandos, sondern einem Bischof unterstand. “Wir Militärseelsorger haben keinen Dienstrang und eine absolute Sonderrolle in der Bundeswehr”, bestätigt Reischl. “Das hat den Vorteil, dass wir ohne Umwege auch mit dem Kommandeur sprechen können, um zu vermitteln. Die Soldaten wiederum vertrauen sich uns leichter an, weil wir zu Verschwiegenheit verpflichtet sind.”

Von den ersten Standortpfarrern, die seinerzeit ihren Dienst aufnahmen, waren einige bereits Kriegspfarrer in der Wehrmacht gewesen oder hatten als Soldaten am Krieg teilgenommen. 1958 fand die erste Internationale Soldatenwallfahrt ins französische Lourdes statt. Eine Friedenswallfahrt unter ehemals verfeindeten Nationen war 13 Jahre nach Kriegsende ein Ereignis, das viele kaum für möglich gehalten hatten. Bis heute ist diese Wallfahrt ein fester Termin im Jahreskalender vieler Soldaten.

Inzwischen hat sich das Aufgabenfeld der Militärseelsorge stark gewandelt. Vor allem die in den vergangenen Jahren gewachsene weltweite Verantwortung der Bundeswehr nimmt auch die Seelsorger anders in die Pflicht. “Das Ende des Lebens ist für die Soldaten präsenter – nicht nur im Einsatz”, sagt Reischl, der in der Kaserne im bayerischen Cham stationiert ist.

“Im lebenskundlichen Unterricht, den wir Seelsorger für die Soldaten erteilen, kommen die Themen Tod und Verwundung auf Wunsch der Bundeswehr jetzt vermehrt vor”, berichtet er. “Da geht es etwa um Fragen wie: Wie gehe ich selbst damit um? Wie begleite ich einen sterbenden Kameraden neben mir?”

Auch die Angehörigen der Bundeswehrkräfte treibt laut Reischl die neue Bedrohungslage um. Die Familienangehörigen an den Heimatstandorten zu begleiten, zählt ebenfalls zu den Aufgaben der Militärseelsorge. Die lange Abwesenheit und ständige Ungewissheit der Partner werden für Beziehungen teils zur Zerreißprobe. “Oder auch die Frage: Wie erkläre ich meinen Kindern, dass ich vielleicht töten muss und umgekehrt getötet werden kann? Wie spreche ich darüber mit meinen Kindern? Auch da fragen uns viele um Rat”, berichtet der Pfarrer.

Auch der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck beobachtet eine “neue große Unruhe” unter den Soldaten und ihren Angehörigen. “Die Weltlage hat sich seit dem Ukraine-Krieg komplett verändert. Krieg und Frieden sind ein Mega-Thema geworden”, sagte der Essener Bischof unlängst der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). “Darauf müssen wir sowohl seelsorglich als auch mit ethischer Expertise reagieren.”

Er nehme auch ein verstärktes Interesse der Politik an der Perspektive der Kirche in diesen Fragen wahr, so Overbeck: “Wir diskutieren das auch mit Verteidigungsminister Boris Pistorius.” Der sogenannte Operationsplan Deutschland zur Aufrechterhaltung der Verteidigungsfähigkeit des Landes im Angriffsfall fordere die Militärseelsorge ganz neu heraus.

Das betreffe einmal die Betreuung der Soldaten, aber auch ihrer Angehörigen, sagte Overbeck; und: “Zugleich müssten wir meines Erachtens früher und stärker in den Informationsfluss der Entscheidungsträger eingebunden werden, um bei oft hochkomplexen ethischen Fragestellungen unmittelbar unsere Einschätzung geben zu können.”

Auch Militärpfarrer Reischl macht sich viele Gedanken darüber, wie Kirche, wie jede Pfarrgemeinde im Verteidigungsfall gefordert ist und den Menschen in ihren Ängsten und Nöten helfen kann: “Im Grunde müssen wir uns zu diesem Szenario jetzt schon ganz konkrete Gedanken machen – nicht erst wenn die Drohnen im Anflug sind.” Es dürfe nicht noch einmal dieselbe Planlosigkeit wie bei der Corona-Pandemie geben. “Wenn wir dann in dieser schwierigen Lage unseres Landes auch nicht liefern, dann verlieren wir als Kirche das restliche Vertrauen auch noch.”