Neugierige Augen und Ohren, Strickzeug und ein Buch in der Hand. Wie Hobbydetektivin Miss Marple stellen sich wohl viele ihre Schöpferin Agatha Christie vor. Doch weit gefehlt. Vor 50 Jahren starb die Queen of Crime.
Gibt es einen schöneren Ort als die altorientalische Stadt Nimrud im Nordirak, um mit einer Autobiografie zu beginnen? Und dann noch im “Beit Agatha” – in “Agathas Haus”? Für die Königin des Krimis, Agatha Christie, wohl nicht. An jenem Ort verbrachte sie ab Ende der 1940er Jahre mit ihrem zweiten Mann, dem Archäologen Max Mallowan, die englischen Winter. Sie fotografierte seine Ausgrabungen, hatte zuvor alleine den Nahen Osten bereist und mit Mallowan einen fast 14 Jahre jüngeren Mann geheiratet. Am 12. Januar 1976 starb Christie im Alter von 85 Jahren – und war viel mehr als die erfolgreichste Krimiautorin der Welt.
Doch von Anfang an: Ihr Leben hätte anders verlaufen können. Am 15. September 1890 in Torquay an der “englischen Riviera” geboren, wuchs Agatha Mary Clarissa Miller zunächst so auf wie Mädchen der oberen Mittelklasse am Ende des Viktorianischen Zeitalters – Ziel: eine gute Partie abzugeben. Zwischen Ausflügen, Klavierunterricht und Theaterbesuchen blieb Zeit zum Herumtollen mit ihrem Hund und zur Entwicklung vieler fantastischer Vorstellungen.
Eins muss immer dabei gewesen sein, eine scharfe Beobachtungsgabe. Ob Hausmädchen, Inspektor oder verarmter Adeliger: In ihren 66 Kriminalromanen, 150 Kurzgeschichten und etwa 30 Theaterstücken beschreibt Christie ihre Charaktere knapp, aber sehr präzise.
Einen ersten Einschnitt brachte der frühe Tod ihres Vaters im Jahr 1901. Die Familie musste sich einschränken, was Christie ihre erste Reise nach Ägypten im Jahr 1910 bescherte. Um in London oder New York zu debütieren, reichte das Geld nicht. Also Kairo, das damals von Großbritannien besetzt war. Begeistert von Karnak oder Luxor war sie aber nicht. Erst 20 Jahre später wirkte deren Schönheit “berauschend” auf sie.
Ihren ersten Mann traf sie später in England: Archibald Christie, Oberst der Luftwaffe. Hochzeit 1914; Geburt der gemeinsamen Tochter Rosalind – sie blieb Agatha Christies einziges Kind – 1919. 1926 war Archie wohl mitverantwortlich für das große Geheimnis, das sie fortan umgab.
“Frau Christie verkleidet”, “Hunde suchen nach Schriftstellerin”. Schlagzeilen über Schlagzeilen im Dezember 1926. Am Morgen des 4. fand man ihren grünen Morris Cowley am Rande eine Kalkgrube in Newlands Corner in Surrey – doch von Agatha Christie keine Spur. Suizid, Mord, clevere Inszenierung, um Aufmerksamkeit als Schriftstellerin zu erhalten? Es gab viele Spekulationen. Ihr Verschwinden löste jedenfalls eine bis dato nie dagewesene Suchaktion mit 15.000 Helfern aus.
Elf Tage später wurde sie im Swan Hydro Hotel in Harrogate in Yorkshire entdeckt. Heute heißt das Hotel Old Swan Hotel, und Zimmer lassen sich ab knapp 90 Pfund pro Nacht buchen. Auslöser des Verschwindens soll Archies Bekenntnis gewesen sein, sich in seine Golfpartnerin Nancy Neele verliebt zu haben. Die Verschwundene sagte später, sie könne sich kaum erinnern. Anders als in ihren Romanen wurde dieser Fall nie restlos aufgeklärt.
Dass sie Krimis schreiben wollte, verriet sie ihrer älteren Schwester Madge mit Anfang 20. Der erste Kriminalroman “Das fehlende Glied in der Kette” erschien 1920 veröffentlicht. Der belgische – nicht französische – Meisterdetektiv Hercule Poirot war geboren.
Den Durchbruch brachte “Alibi”, der sechs Monate vor ihrem Verschwinden erschien, und selbst für einen Krimi überraschend endet. Eins kehrt jedoch wieder: Christies Faible für Giftmorde; ob Blausäure, Strychnin oder Nikotin. Damit können auch Frauen sauber, leise und unauffällig morden – gäbe es Hercule Poirot und Miss Marple nicht, die 1930 in “Mord im Pfarrhaus” die Bühne betrat – und so ganz anders als ihr Kollege ist.
Pathologen haben wiederholt Christies großes Wissen über Gifte und deren Wirkungen bestätigt. Sie erwarb es als Krankenschwester im Ersten Weltkrieg. Sie leistete, so wird aus Akten des Britischen Roten Kreuzes zitiert, von Oktober 1914 bis September 1918 im Rathauskrankenhaus in Torquay 3.400 Stunden Arbeit, vor allem in der Apotheke.
Mit der Scheidung von Archie 1928 beginnt Christie ihr zweites Leben: Englische Dörfer, Landsitze und Gesellschaften bleiben in ihren Büchern. Sie selbst reist im Orient-Express nach Bagdad und weiter nach Ur, heute Tall al-Muqayyar im Süden des Irak, wo Leonard Woolley Ausgrabungen durchführte. Ihr zweiter Ehemann, Max Mallowan, war Teil des Teams. Im September 1930 heirateten sie, obwohl Christie einige Gegenargumente hatte.
Ob in Ägypten, dem Irak oder Syrien: Das reisebegeisterte Paar hat seine Spuren hinterlassen. Er führte Ausgrabungen durch, sie fotografierte und filmte. Immer dabei: die Liebe zur Region. Das betont sie in “Erinnerung an glückliche Tage”. In der Dokumentation “Agatha Christie und der Orient” vom Hessischen Rundfunk liest Enkel Mathew Prichard seine Lieblingsstelle über Syrien vor, die wie folgt endet: “Inschallah. Ich werde wiederkommen. Und was ich liebe, wird nicht untergehen.” Doch es kam anders, und Prichard ist sicher: Seine Großeltern wären aufgebracht gewesen, hätten sie die massive Zerstörung durch die dortigen Kriege erlebt.
Bekannt bleibt Christie für ihre Krimis, die der Verlag Atlantik mit Sitz in Hamburg als Schmuckausgaben neu auflegt. Wenn auch vor 60, 70 oder 100 Jahren geschrieben: “Agatha Christie versteht es meisterhaft, menschliche sowie gesellschaftliche Dynamiken mit zeitloser psychologischer Spannung zu verbinden”, erklärt der Verlag. Eine Welt voller Nostalgie und Nervenkitzel treffe heute, in anstrengenden und unübersichtlichen Zeiten, einen besonderen Nerv.