Flüchtlinge auf dem Dorf in MV

Zwischen Hetze und Hilfe

Die NPD hetzt mit Flyern gegen sie, Ehrenamtliche geben ihnen Deutsch-Unterricht – ein Besuch bei den ersten Flüchtlingen im kleinen Dorf Ducherow.

Der 23-jährige Mohammed Alshalabi (v.l.) ist als erster aus Damaskus nach Deutschland geflohen, vor ein paar Wochen kamen seine fünf Geschwister und die Mutter nach

von Sybille Marx

Ducherow. Athar schüttelt den Kopf. So soll ihr Name geschrieben werden: „Asan“? „Nono“, sagt die 13-Jährige entschieden, „no“! Ihre schlanken, schwarzen Augenbrauen ziehen sich über der Nase zusammen, immer wieder schüttelt sie den Kopf. Erst, als Albrecht Süptitz an der Tafel „Asan“ durchstreicht und „Athar“ hinschreibt, breitet sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, Grübchen legen sich in ihre Wangen. So schön kann Verstehen aussehen an diesem Februar-Freitag im Ducherower Pfarrhaus.
Deutsch für Neuankömmlinge bietet Süptitz, der Mann der Pastorin, seit Kurzem hier an, zusammen mit zwei weiteren Helfern aus dem vorpommerschen Ort. In der Winterkirche gegenüber der alten Dorfkirche haben sie eine Tafel mit Abreißblättern aufgebaut, Lehrbücher, Stifte und Blätter bereitgelegt, zwei Familien um einen Tisch versammelt: Mutter Asmahan Alzoubi aus der einst stolzen, jetzt kriegsgebeutelten Stadt Damaskus in Syrien,  ihre sechs Kinder Athar (13), Alia (15), Ahmad (18), Hani (20), die Zwillinge Hanan und Mohammed (23) – und die acht-köpfige Familie Fahim aus Afghanistan. 

Die NPD und der Flyer

Was sie vom Krieg erlebt haben, hat Süptitz noch gar nicht erfragt, nur so viel: Flüchtlinge seien sie, Muslime, Menschen auf der Suche nach einem sicheren Leben in Deutschland. Der Asyl-Verteilschlüssel von Bund, Land und Kreis hat sie hier her gespült, in dieses kleines Dorf am nordöstlichen Rande der Bundesrepublik. Vielleicht ist es gut, dass sie noch nichts verstehen von dem, was man hier sagt. Am Tag, nachdem sie eingezogen waren in ihren Neubaublock an der Hauptstraße, ließ der NPD-Kreisverband Ostvorpommern Flyer in die Briefkästen der rund 2100 Dorfbewohner stecken.
„Die Asylantenflut erreicht Ducherow“, prangt als Überschrift auf dem einen. Auf dem zweiten, einem „Leitfaden“, stehen Empfehlungen wie „Nie ohne Zeugen  mit Asylanten sprechen“, „Bekanntschaften schließen lohnt sich nicht“, und: „Bloß keine Geschenke machen“, denn Asylanten seien nur auf der „Jagd nach noch mehr Wohlstand“. Es ist eine Anleitung dazu, wie man Neuankömmlingen mit möglichst viel Neid, Misstrauen und Ablehnung begegnet. Oder wie Eric Wallis, der Leiter des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Anklam, sagt: „So versuchen die Rechten, aus der Angst vor dem Unbekannten die Angst vor dem Fremden zu machen, und das Schlimme ist: Damit verhindern sie, dass die Leute aufeinander zugehen.“ 

"Wir müssen was tun"

Sind die Zettel denn nicht so niederträchtig, dass die Ducherower nur den Kopf schütteln darüber? Nein, sagt Albrecht Süptitz. „Sie glauben gar nicht, wie am Stammtisch darüber gesprochen wird und das Unterstützung findet.“  Süptitz selbst arbeitet seit Jahren im Auftrag des Pommerschen Kirchenkreises beim Jugendmigrationsdienst Anklam, kümmert sich in der Region um die Integration von jungen Zuwanderern aus Polen, Russland und anderen Ländern. Für Flüchtlinge wie die Alzoubis und die Fahims, die noch keinen Status haben, ist er beruflich nicht zuständig. „Aber meine Frau und ich haben, als die hier ankamen, sofort gesagt: Wir müssen was tun.“
Ungefähr vier Besuche hätten sie gebraucht, Besuche mit Bonbons für die Kinder, um den Eltern mit Händen und Füßen klar zu machen, dass sie ihnen gern ein „bissel“ Deutsch beibringen und dass sie ihnen bei Alltagsproblemen helfen würden, zusätzlich zu der Betreuerin, die im Auftrag des Landkreises Vorpommern-Greifswald dezentral untergebrachte Flüchtlinge in der Region besucht.

Erste Deutschstunde für Flüchtlinge

So sitzen die beiden Familien jetzt zum zweiten Mal im Ducherower Pfarrhaus, abgeholt mit dem Auto, aufgereiht um einen großen Tisch, und versuchen dem zu folgen, was dieser freundliche Mann da an der Tafel tut. Die Familie aus Syrien spricht nur arabisch, die aus Afghanistan nur persisch, von der einen zur anderen führt kein Wort.
Umso mehr spricht Süptitz. „Ich darf erst einmal alle herzlich willkommen heißen“, sagt er zu Beginn des Kurses. Dann malt er Wörter und Symbole an die Tafel. „Das ist ein Haus“, „Das ist ein Mensch“. Er fragt nach den Namen und dem Alter der Teilnehmer, lässt sie bis 20 zählen, erklärt ihnen Uhrzeiten, Öffnungszeiten des Supermarkts im Ort, macht klar, dass der Sonntag in Deutschland frei ist, dass die Deutschen gern Schweinefleisch essen, welche Ärzte in Ducherow arbeiten und dass die Familien von ihrer Betreuerin Krankenscheine brauchen.

Am lebhaftesten: Athar (13)

Einige der Älteren kneifen während dieser eineinhalb Stunden nur angestrengt die Augen zusammen, andere schreiben mit, formen mit den Lippen erste Worten, tasten sich an die deutschen Laute heran. Die junge Athar ist die Lebhafteste unter ihnen, begierig stürzt sie sich auf jedes Wort, das Süptitz an die Tafel schreibt. „fonf, sechs, sieben, acht, neun, zänn…“ ruft die 13-Jährige beim Zählen, so laut, als gelte es alle im Raum zu übertönen und einen Preis zu gewinnen. Jeder kann es sehen: Dieses Mädchen will leben, will lernen, wenn nicht in Damaskus, dann eben hier. Aber kann das gelingen in Ducherow?
Mohammed Alshalabi, mit 23 Jahren der Älteste aus der Familie,  hat Deutschland schon vor rund sieben Monaten erreicht. Als erster hatte er Damaskus verlassen, um seiner Familie den Weg in ein neues Leben zu bahnen. In die Nähe von Dortmund hat es ihn verschlagen, „Handel und Wirtschaft“ lernt er dort, wie er in seinem stockenden Deutsch erzählt. In Ducherow will er seiner Mutter und den Geschwistern jetzt durch die ersten Wochen helfen, sie später zu sich holen, ebenso wie den Vater aus Damaskus.
Was denken sie über Ducherow, wie kommen sie hier klar, fragt die Journalistin, als der Deutschkurs beendet ist. Mohammed Alshalabi  blickt sich fragend zu seiner Familie um, dolmetscht ihre Antworten: „Schönes Dorf, relaxing, entspannt“, sagt er. „Aber sie sind den ganzen Tag zu Hause, das ist so langweilig.“  In Damaskus hätten die Geschwister die Schule besucht, der eine habe Abitur, der andere sei Ingenieur, er selbst habe studiert. Nun gibt es für sie alle nichts zu tun. Und dann der Regen, die Kälte! „So etwas kennen wir nicht“, sagt Alshalabi. Hier her zu kommen, in diesen Kurs, sei aber „Spaß und Lernen, wichtig für uns!“

Was die deutsche Mittagspause bedeutet

Albrecht Süptitz braucht noch einmal Alshalabis Hilfe: Er will mit den Familien einen Termin auszumachen, nicht nur für den nächsten Deutschunterricht. Wie die Kinder eingeschult werden können, was die deutsche Mittagspause bedeutet oder was in der Hausordnung steht, das will er mit ihnen besprechen. Eine Nachbarin der beiden Flüchtlingsfamilien habe ihm am Telefon schon gesagt: „Das Treppenhaus ist kein Spielhaus“. Und dass die neuen Familien ihre Mülltüten nicht an den Straßenrand stellen dürften, sondern in die Container packen müssten. „Die können das ja nicht wissen, aber die Ducherower können es  ihnen auch nicht erklären, weil sie ihre Sprache nicht sprechen“, sagt Süptitz. Einen Pizzabäcker im Ort, der aus Ägypten stammt und arabisch kann, will er deshalb als Dolmetscher für ein klärendes Gespräch gewinnen, eine andere Frau aus Anklam soll für die Afghanen übersetzen.
Eric Wallis vom Regionalzentrum für Demokratische Kultur sagt: Leute wie Süptitz und die anderen, die ehrenamtlich helfen, müsse man hoch schätzen. „Das ist genau das, was wir brauchen: dass die Asylbewerber und die Einheimischen in Kontakt kommen, dass das Unbekannte bekannt wird.“ Natürlich gebe es auch unter Einwanderern Kriminelle, vor denen man sich wirklich fürchten müsse, „aber nicht, weil sie aus einer anderen Kultur kommen, sondern weil es die in jeder Kultur gibt.“
Und was ist, wenn diese beiden Familien irgendwann ihren Status haben, anerkannte Flüchtlinge sind und Ducherow verlassen, um in der Großstadt ihr Glück zu suchen? War dann alle Mühe umsonst in diesem kleinen Dorf? Albrecht Süptitz guckt ernst. „Jetzt sind diese Menschen da“, sagt er. „Sie haben Zeit, sie haben einen Drang was zu tun und Deutsch zu lernen, das muss man nutzen!“ Im Übrigen sei er es vom Jugendmigrationsdienst gewohnt, dass Menschen weggingen, sobald sie selbständiger seien. Seinen Segen haben sie. „Ich versuche nur, ihnen ein bissel den Weg zu bahnen.“

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