Angst, Glaube, Heimat: Iranische Christen in Berlin sorgen sich um ihre Familien. Wie eine Gemeinde das Leid aus der Ferne erlebt.
“Meine Familie besitzt in der Nähe der Stadt Täbriz auf dem Land ein Haus”, erzählt Ilyas auf Farsi, der Landessprache des Irans. “Sie haben mir am Telefon erzählt, dass sie dorthin geflohen sind, weil in der Stadt niemand mehr sicher ist.”
Ilyas sitzt im Gemeindehaus der evangelisch-lutherischen Dreieinigkeits-Gemeinde in Berlin-Steglitz. Ilyas heißt eigentlich anders, aber der zum Christentum konvertierte Iraner möchte lieber anonym bleiben. Neben ihm hat der aus Teheran stammende Ibrahim Platz genommen, auch er hat tatsächlich einen anderen Namen. Beide sprechen mit Pfarrer Gottfried Martens, dem Gemeindevorsteher.
“In der Gemeinde leben etwa 1.000 Menschen mit iranischen und 400 mit afghanischen Wurzeln”, erklärt der evangelische Pfarrer. “Viele von ihnen machen sich irre Sorgen um ihre Familien. Sie haben selbst die Brutalität dieses Regimes vor ihrer Flucht erlebt und können sich gut vorstellen, was sich dort gerade ereignet.”
Es ist schwierig, gesicherte Informationen über die Lage im Land zu erhalten, denn das iranische Regime hat eine Internetblockade verhängt. Eine interne Quelle aus den Reihen des iranischen Regimes etwa sprach aber gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters zuletzt von 5.000 Toten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International geht davon aus, dass das Regime gegen Demonstranten auch scharfe Munition und Schrotflinten einsetzt.
Um gegen diese Gewalt ein Zeichen zu setzen, nehmen viele in Martens’ Gemeinde an Demonstrationen teil, sagt er. “Ihr politisches Engagement fällt sehr unterschiedlich aus. Viele Positionen zur Zukunft des Irans finden ihren Platz. Das finde ich gut.”
Für Ibrahim aus Teheran ist klar, was er sich für die Zukunft seines Landes wünscht: “Freiheit. Und einen Ort, wo wir im Iran leben können.” Seine Familie, die in der iranischen Hauptstadt lebt, erreicht er telefonisch zurzeit nicht.
Nicht alle in der Steglitzer Gemeinde wollten zurück, sagt Martens. “Viele Iraner, mit denen ich spreche, haben zwar die große Hoffnung, dass der Iran endlich von der Terrorherrschaft befreit wird. Einige haben aber hier auch schon sehr tiefe Wurzeln geschlagen.” Besonders christliche Konvertiten hätten in Deutschland eine Heimat gefunden.
Viele seien auch davor schon im Iran heimlich in christlichen Hausgemeinden aktiv gewesen, berichtet der Prediger. Heimlich deshalb, weil der Abfall vom Islam im Iran mit der Todesstrafe geahndet werden kann. Trotzdem entscheiden sich iranische Staatsbürger, den Glauben zu wechseln.
Ob der Übertritt zum Christentum ein sicherer Grund ist, um in Deutschland Asyl zu bekommen, lässt sich pauschal nicht sagen. Im Mai 2020 hatte etwa das Bundesverfassungsgericht über die Klage eines Iraners entschieden, der wegen seiner Konversion eine Verfolgung in seinem Heimatland befürchtet hatte und deswegen in Deutschland Asyl beantragte. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lehnte den Antrag ab, der Asylbewerber klagte bis vor das Bundesverfassungsgericht. Die Richter bekräftigten die Ablehnung, da sie keine vertiefte Beschäftigung mit dem christlichen Glauben erkennen konnten und eine Taufe aus asyltaktischen Gründen nicht ausschlossen.
Unabhängig vom Glauben haben einzelne Bundesländer in den vergangenen Wochen einen Abschiebestopp für Menschen aus dem Iran beschlossen, etwa das Saarland und Rheinland-Pfalz. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) schließt ein solches Vorgehen bislang aus.
Dobrindt sagte im Bundestag, dass Deutschland “ein großes Interesse daran” habe, Straftäter abzuschieben, und fügte hinzu: “Deswegen bin ich nicht bereit, einen Abschiebestopp zu verhängen, wo Straftäter sich dann auch noch davonmachen können.”
“Über die Haltung der deutschen Regierung, gerade gegenüber konvertierten Christen aus dem Iran, sind wir mittlerweile völlig desillusioniert”, erklärt Martens. “Wir erleben es ja immer wieder mit, dass iranische konvertierte Christen fast keine Chance mehr haben, hier in Deutschland irgendeine Form der Anerkennung zu finden.”
Martens bewegt es, dass viele Menschen in seiner Gemeinde mit afghanischen Wurzeln auch an den Sorgen der iranischen Mitgläubigen teilnähmen. Das sei deshalb so bemerkenswert, weil Afghanen in der iranischen Gesellschaft oft als Menschen dritter Klasse behandelt würden und oftmals Diskriminierung erführen. Für Martens in diesen schwierigen Zeiten ein Zeichen der Solidarität und der verbindenden Kraft des Glaubens.