Zum Welttag des Mitgefühls – Mehr Fokus auf eine leise Kraft

Warum Empathie heute wichtiger ist denn je

Vom Dalai Lama bis zur Neurowissenschaft: Mitgefühl verbindet Menschen, fördert Gesundheit und verantwortliches Handeln. Schon kleine Gesten können das Miteinander und die Umwelt positiv beeinflussen.

In einer Zeit, die von Krisen, Ungleichheit, sozialen Spannungen und ökologischen Herausforderungen geprägt ist, lädt der Aktionstag des Mitgefühls dazu ein, neu zu entdecken, wie tief diese Idee in allen Religionen, Philosophien und Kulturen verwurzelt ist. Barmherzigkeit - verstanden als tätige Anteilnahme am Leid anderer - ist eine leise Tugend, die aktuell eher wenig positive Aufmerksamkeit erhält.

Der World Compassion Day (Welttag des Mitgefühls oder der Barmherzigkeit) wurde 2012 von Pritish Nandy ins Leben gerufen, einem indischen Dichter, Journalisten und Aktivisten. Er wird seitdem stets am 28. November begangen. Die Idee des Aktionstags basiert auf dem Konzept der Ahimsa, eines alten indischen Prinzips der Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen. Compassion lässt sich sowohl als Mitgefühl oder auch als Barmherzigkeit ins Deutsche übersetzen.

In fast allen Religionen gilt das Mitgefühl als Grundhaltung, die das menschliche Zusammenleben trägt. Der Dalai Lama bezeichnet Mitgefühl die "wahre Religion der Menschheit". Auch die Philosophie versteht diese Fähigkeit als Fundament menschlicher Moral.

Knapp zwei Wochen vor dem Welttag des Mitgefühls findet ein sehr ähnlicher Aktionstag statt - der der Freundlichkeit (World Kindness Day). Inhaltlich ähneln beide einander, denn im Mittelpunkt steht die Haltung zum Anderen. Mitgefühl, Barmherzigkeit und Freundlichkeit stehen für stille Werte, die einen wohltuenden Effekt auf das eigene Leben, die Gesundheit und sogar auf die Gesellschaft haben.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Mitgefühl für das individuelle Wohlbefinden und das gesellschaftliche Zusammenleben bedeutsam ist. In neurowissenschaftlichen Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass gezieltes Mitgefühlstraining - etwa durch Meditation - positive Emotionen stärkt und Stress vermindert.

Die Neurowissenschaftlerin Olga Klimecki sagte jüngst im Interview der Techniker Krankenkasse, Mitgefühl bedeute, dem Leid einer anderen Person aus einer wohlwollenden Haltung heraus zu begegnen. Mitgefühl sei mit positiven Emotionen verbunden, mit Wärme und Verbundenheit.

Mitgefühl sei dann wichtig, sagt die Wissenschaftlerin, wenn es um schwierige, leidvolle Situationen geht - bei sich selbst und bei anderen. Dann gehe es darum, diesen Sorgen mit Wohlwollen und Freundlichkeit zu begegnen. "Dieses Wohlwollen ist meist mit dem Wunsch verbunden zu helfen oder das Leid zu lindErn. Das klappt natürlich nicht immer, aber der Wunsch ist sehr oft dabei", erklärt Klimecki.

Psychologische und bildungswissenschaftliche Studien haben erwiesen, dass Mitgefühl sozial erworben wird: Schon im frühen Kindesalter entwickelt sich die Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen und ihnen zu helfen. Allerdings lernen es manche leichter, andere weniger leicht, hat die Neurowissenschaftlerin festgestellt. Ein Training in Mitgefühl auf der Basis von Achtsamkeit führt laut Klimecki dazu, dass sich Aktivierungen in den entsprechenden Hirnarealen stärker ausprägen. Außerdem verhielten sich die Teilnehmenden nach einem Mitgefühlstraining sozialer und halfen großzügiger.

Mitgefühl bewirkt meist positive Effekte - unter speziellen Umständen kann es aber auch antisoziale Tendenzen fördern. So konnten Forschende der Uni Ulm zeigen, dass Mitgefühl in Einzelfällen sogar mit feindseligen Haltungen einhergehen kann. Warum das so ist, wird noch weiter erforscht.

Mitgefühl in diesem umfassenden Sinn endet nicht an den Grenzen des Menschlichen. Es kann sich ausweiten - auf Tiere, Pflanzen und die Erde selbst. Wer Mitgefühl ökologisch versteht, spürt Verantwortung für das große Ganze. Ökologisches Mitgefühl sensibilisiert für die Auswirkungen des eigenen Handelns und führt zu Entscheidungen, die auf Bewahrung, Gleichgewicht und Nachhaltigkeit zielen.

Wer sich also das Mitgefühl bewahrt und bereit ist zu helfen, der tut sich, der eigenen Gesundheit und der Gesellschaft einen Gefallen. So kann die Welt ein wenig lebenswerter werden.

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