Deutschland soll eine eigene Außenstelle der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem bekommen. Wo das neue Bildungszentrum, der erste Ableger der Jerusalemer Gedenkstätte außerhalb Israels, entstehen soll, ist aber noch nicht klar. Im Rennen sind Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Bayern. Unter den drei Bundesländern sei „ein Wettbewerb entstanden“, freut sich Wenzel Michalski.
Auf einer Etage mit der Polizei
Seit Mai 2025 ist er Geschäftsführer des 1997 gegründeten deutschen Freundeskreises Yad Vashem e. V. Im Wollpulli sitzt er im schlecht beheizten Büro eines alten Berliner Hauses, wo sich im Hinterhaus die zentrale orthodoxe Synagoge befindet. Der Freundeskreis teilt sich die Etage mit der Polizei. Einen Hinweis an der Tür gibt es nicht. Beim bewaffneten Pförtner steht ein freundlicher Mann mit Kippa und gibt Auskunft: „erster Stock“.
Als Teil einer weltweiten Gemeinschaft von Freundeskreisen unterstützt der deutsche Freundeskreis Yad Vashem e.V. die Arbeit von Yad Vashem. Das Berliner Büro ist sozusagen das Bindeglied zwischen Yad Vashem in Jerusalem und Deutschland. Nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 entschied Michalski sich, seine Erfahrung gezielt im Kampf gegen Antisemitismus und Holocaustverzerrung einzusetzen. Er arbeitete 20 Jahre als TV-Journalist und leitete von 2010 bis 2024 das deutsche Büro von Human Rights Watch.
Allierte finden im Kampf gegen Antisemitismus
Für Michalski, der einen jüdischen Vater hat, ist Antisemitismus keine reine Theorie. Einer seiner Söhne wurde an der Schule gemobbt und verprügelt. Antisemitismus ist für ihn „eines der erfolgreichsten und schlimmsten Gerüchte der Welt“, so Michalski. Unwissen, „Verzerrungen und Geschichtsfälschung“ grassierten. Das Holocaust-Bildungszentrum werde derlei nicht ausrotten, „da darf man sich keine Illusionen machen, aber man muss versuchen, ihn so weit wie möglich einzudämmen und Alliierte zu finden“.
Die Idee für das neue Bildungszentrum entstand 2023 bei einem Treffen des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) mit dem Vorstandsvorsitzenden von Yad Vashem, Dani Dayan. Unabhängig vom Standort strebe man eine bundesweite Ausstrahlung an, so Dayan. Die Herausforderung werde sein, die breite Bevölkerung zu erreichen, auch jüngere Menschen. „Deshalb eröffnen wir auch kein Museum, sondern ein Bildungszentrum, ein ,Educational Center‘.“
Geschichten über die Vielfalt jüdischen Lebens
Mit dem Bildungszentrum sollen vor allem Multiplikatoren angesprochen werden – Lehrer, Juristen, Soldaten, Polizisten, Parlamentarier, Journalisten, erklärt Wenzel Michalski. Ziel sei, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten und Empathie für die Opfer zu wecken, auch wenn Zeitzeugen nicht mehr am Leben sind. Michalski kann sich eine immersive Schau vorstellen, die eine Art „Erlebniswelt“ anbietet, in der man die Perspektive einzelner Juden vor und nach der NS-Zeit einnehmen und die Vielfalt jüdischen Lebens in der Zeit vor dem Holocaust wahrnehmen kann. Um der „Abstumpfung“ der Menschen entgegenzuwirken, müssten Geschichten von Einzelnen erzählt werden.
Nach Einschätzung von Dani Dayan könnte die Außenstelle von Yad Vashem 2027 eröffnen „Wenn wir in das Land der Täter gehen, hat das eine besondere Bedeutung“, erklärte Dani Dayan. „Es ist egal, wo die Eltern der Menschen im Zweiten Weltkrieg gelebt haben, es ist auch egal, was sie gemacht haben oder welche Religion sie haben: Wer immer heute in Deutschland lebt, hat eine besondere Verantwortung.“
