Wohltat für die Seele

Andacht
Wohltat für die Seele

Predigttext
1 Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. 2 Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe. 3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Als junger Pfarrer fand ich in meiner ersten Gemeinde eine sehr schlicht gehaltene Kirche als Wirkungsstätte vor. In den sechziger Jahren war sie in Betonbauweise errichtet worden. Der Innenraum war sehr karg gestaltet. Das wollten immer mehr Menschen in der Gemeinde verändern. Das Ergebnis dieser Diskussionen war ein Minimalkonsens: Zunächst einmal sollten Paramente für Altar, Ambos und Kanzel angeschafft werden. Bei einer Paramentenwerkstatt wurden Entwürfe und Angebote in Auftrag gegeben. Es stellte sich bald heraus: Solche liturgischen Textilien sind nicht billig, wenn sie qualitativ gut sein sollen.

Und sofort wurde Widerstand laut: Wie kann man nur so viel Geld für Paramente ausgeben? wurde gefragt. Dieses Geld solle man doch besser den Obdachlosen und Hungernden geben, oder man könne es dem Partnerschaftsprojekt in Namibia zur Verfügung stellen. Bald spaltete sich die Gemeinde in Gegner und Befürworter. Die Paramente wurden dann doch angeschafft, aber das Murren hielt noch eine Weile an.

Soll man Geld für etwas ästhetisch Schönes und Wohltuendes ausgeben? Oder ist das eine sündhafte Verschwendung? Kann man angesichts der Not, die uns unmittelbar und weltweit umgibt, überhaupt kirchliche Finanzmittel für etwas anderes einsetzen, als für die Linderung dieser Not? Was ist wichtiger: Diakonie oder Gottesdienst?

Dass diese Diskussion nicht neu ist, zeigt uns der Bericht des Evangelisten Markus über die Salbung in Betanien. Eine Frau träufelt kostbarstes Öl auf den Kopf von Jesus. Sie will Jesus damit ihre Ehrerbietung zeigen. Aber die Salbung zeigt mehr. Nämlich dass die Frau verstanden hat, wen sie da salbt: Den Messias Gottes, den Gesandten und Gesalbten. Die Salbung Jesu ist ein Ausdruck des Glaubens, der Anbetung und der Hingabe. Um diesen tiefsten, innigen Glauben auszudrücken, ist der Frau nichts zu teuer.

Die Jünger stören sich daran: Man hätte das teure Öl verkaufen und den Erlös den Armen geben können. Und so argumentieren Christinnen und Christen bis heute: Alles Geld und unser ganzer Einsatz muss den Notleidenden zugutekommen. Alles muss sich darauf konzentrieren.

Jesus sieht das völlig anders. Er spielt Diakonie und Gottesdienst nicht gegeneinander aus. Für Jesus sind Diakonie und Gottesdienst zwei Seiten ein und derselben Medaille. Der Dienst an den Notleidenden ist ein dauerhafter Auftrag für die einzelnen Christinnen und Christen. Aber es braucht eben auch die Stärkung und Vergewisserung des Glaubens. Damit der Glaube den langen Atem gibt für das Handeln aus dem Glauben. Der Glaube kann nur gestärkt und vergewissert werden, wenn alle Sinne des Menschen durch ihn angesprochen werden. Allein die Aufforderung: Du musst, du sollst – gibt nicht den langen Atem des Glaubens. Der entsteht vor allem, wenn wir sehen, fühlen und schmecken können, wie freundlich unser Gott ist und wie wohltuend der Glaube ist.

Gerade in diesen Wochen spüre ich, wie wichtig beides ist: Der Einsatz für die Hilfsbedürftigen und die Wohltat für die Seele. In meinem Umfeld gibt es viele Hilfsangebote für Menschen, die von der Corona-Pandemie und ihren Beschränkungen betroffen sind. Und es gibt ebenso viele Angebote zum Gebet und zu virtuellen Gemeinschaften beim Geläut der Glocken und zur digitalen Versammlung zum Gottesdienst. Wie gut, dass wir auch in Zeiten von Covid-19 nicht in falschen Alternativen denken.

👋 Unser Social Media