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Winter: Obdachlose sind auf Hilfe ihrer Mitmenschen angewiesen

Schnee, Glatteis und eisige Winde – die klirrende Kälte ist für wohnungslose Menschen lebensbedrohlich. Wer Obdachlose sieht, die bei Minusgraden draußen sitzen oder schlafen, solle sie unbedingt ansprechen und Hilfe holen, bitten Straßensozialarbeiter.

Wer schlafend über längere Zeit der Kälte ausgesetzt ist, dem droht der Innere Mission in Bremen zufolge der Kältetod. Darauf weist auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) hin. Bei diesen Temperaturen werde jeder längere ungeschützte Aufenthalt im Freien zur Lebensgefahr, sagt Geschäftsführerin Sabine Bösing. Wer auf der Straße lebt, hat oft Vorerkrankungen, ein geschwächtes Immunsystem, leidet unter Mangelernährung und Erschöpfung, sodass das Risiko einer Unterkühlung stark steigt. Alkohol und Drogen führten dazu, dass die Kälte nicht ausreichend wahrgenommen werde.

Die Angebote werden von den Städten, Gemeinden und Kommunen bereitgestellt. Dazu kommen Angebote der Kirchen, Diakonie, Innerer Mission sowie Hilfsorganisationen wie Johanniter, Malteser, AWO und Caritas, Bahnhofsmission und privaten Organisationen.

Die Angebote in den Städten, Gemeinden und Kommunen reichen von Notschlafstellen und Straßensozialarbeit bis zu Nachtcafés, in denen sich Menschen ohne festen Wohnsitz von abends bis frühmorgens aufwärmen können. Ferner bringen Kältebusse den Menschen warme Mahlzeiten, Getränke und medizinische Versorgung. In Hannover dürfen Obdachlose in den U-Bahn-Stationen übernachten. In Berlin weisen die öffentlichen Bibliotheken darauf hin, dass sich dort während der Öffnungszeiten jeder aufwärmen kann – auch ohne Bibliotheksausweis. In vielen Städten sind die Notschlafplätze aufgestockt.

Alle Menschen sind aufgefordert, auf hilfsbedürftige Personen in Straßen, Hauseingängen, Parks oder unter Brücken zu achten. „Wenn Sie in diesen Tagen jemanden finden, der noch draußen schläft, so sprechen Sie ihn bitte an“, rät Svenja Koch von der Caritas der Diözese Hildesheim. Im Zweifel sollte die Notrufnummer 112 angerufen werden. In vielen Städten und Kommunen gibt es weitere Notfallnummern. In Hannover etwa können Passanten das Diakonische Werk benachrichtigen. Die Notfallnummer für „Hilfe bei Kälte im Winter“ lautet: 0511/9904015. Bis Hilfe eintrifft, sollte man bei dem Hilfebedürftigen bleiben.

Hilfsorganisationen weisen darauf hin, wie wichtig es ist, mit Obdachlosen ins Gespräch zu kommen. Das sei eine wichtige menschliche Geste, die den Hilfsbedürftigen auch deutlich machen könnte, wie gefährlich ihre Situation im Winter ist. Wer den Kontakt hergestellt habe, kann fragen, wie man am besten helfen könne – etwa mit heißem Getränk, einer Mahlzeit, einer warmen Decke oder der Information, wo der nächste Kältebus zu finden ist.

Nein. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe weist darauf hin, dass die Hilfeangebote in vielen Kommunen unzureichend seien. In Berlin etwa gibt es der Stadtmission zufolge aktuell etwas mehr als 1.100 Notübernachtungsplätze bei geschätzt rund 6.000 obdachlosen Personen in der Hauptstadt.

Bereits in diesem Winter haben mindestens vier Menschen laut der BAG W ihr Leben durch Kälte verloren. Im Winter 2024/2025 seien mindestens sieben Menschen gestorben. Die BAG W dokumentiert eigenen Angaben zufolge jeden Winter die Fälle von erfrorenen obdachlosen Menschen anhand von Presseberichten.

Darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Zunächst ist zwischen Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit zu unterscheiden. Obdachlos sind Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, wohnungslose Menschen haben eine Unterkunft, etwa bei Freunden, aber keine eigene Wohnung. Während die Zahl der untergebrachten Wohnungslosen statistisch erfasst wird, gibt es über die von Obdachlosen lediglich Schätzungen.

Nach Hochrechnungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe waren im Verlauf des Jahres 2024 in Deutschland rund 1.029.000 Menschen wohnungslos (2023: 928.000), rund 56.000 von ihnen waren obdachlos (2023: 54.000).

Laut „Wohnungslosenbericht 2024“ der Bundesregierung lag die Zahl der untergebrachten wohnungslosen Menschen bei 439.500 Menschen. Dazu kommen 60.400 sogenannte verdeckte Wohnungslose, die bei Bekannten untergekommen waren, sowie rund 47.300 Obdachlose. Berücksichtigt man Doppelerfassungen, leben in Deutschland diesen Informationen zufolge rund 531.600 wohnungslose Menschen. 55 Prozent von ihnen sind männlich, 86 Prozent sind ausländische Staatsbürger, das Durchschnittsalter liegt bei 31 Jahren.