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Wie Gottvertrauen durch Krisenzeiten tragen kann

Ein entfesselter US-Präsident, eine wankende Weltordnung, “Fake News”, Klimakrise. Ist Gottvertrauen angesichts dieser Erschütterungen nicht eine absurde Vorstellung? Oder gilt: Jetzt erst recht?

Manch einer mag kaum noch die Nachrichten einschalten – so sehr scheint die Welt aus den Fugen zu geraten. Doch was hilft gegen Gefühle von Überforderung, Ohnmacht und Resignation? Menschen verlieren das Vertrauen in Politik und Institutionen – gar nicht erst zu reden von der Kirche und dem christlichen Glauben, denen die Mehrheit der Deutschen den Rücken gekehrt hat. Andererseits spüren viele, dass der Rückzug ins Private und individuelle Selbstoptimierung nicht über das dumpfe Gefühl von Macht- und mitunter auch Haltlosigkeit hinwegtäuschen kann.

“Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Morgen und am Abend, und ganz gewiss an jedem neuen Tag” – diese Worte schrieb der Theologe Dietrich Bonhoeffer 1944 im Gestapo-Gefängnis. Er und andere Menschen im Widerstand folgten aus ihrem Glauben heraus – und allen äußeren Widrigkeiten zum Trotz – ihrem Gewissen. Von solch einer Zuversicht können die meisten nur träumen. Gottvertrauen – das scheint heute keine Option zu sein.

Nur selten outen sich noch Menschen, auf eine höhere Macht zu vertrauen – etwa Ex-Bundeskanzlerin und Pastorentochter Angela Merkel. Sie bekannte 2025, dass ihr “ein gewisses Gottvertrauen” in schwierigen Phasen geholfen habe: Sie habe darauf gebaut, “dass etwas jenseits von uns Menschen existiert, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen und nicht in Selbstmitleid zu verfallen”

“Meine Erfahrung ist, dass Gottvertrauen im Leben hilft. Ich muss und kann nicht alles alleine machen”, sagt Marita Thenée, langjährige Geistliche Begleiterin im Erzbistum Köln. Schon im Alltag brauche es ein gewisses Maß an Vertrauen, man sei geradezu darauf angewiesen: “Wenn ich in einen Zug oder in ein Flugzeug steige, vertraue ich darauf, dass der Lokführer oder der Pilot mich sicher an mein Ziel bringt.” Vertrauen habe immer etwas mit einem Gegenüber zu tun. Noch wichtiger sei dies im persönlichen Bereich – im Berufsleben, im Freundeskreis in der Partnerschaft, “dort wo ich in Beziehung mit anderen Menschen bin”, sagt Thenée.

“Eine Beziehung kann ich auch zu Gott aufbauen”, sagt die pensionierte Lehrerin. Voraussetzung sei, davon auszugehen, “dass es Gott – wie auch immer man sich ihn oder sie vorstellt – gibt und den Versuch zu wagen, mit dieser Existenz in Beziehung zu treten”. Es sei eine bewusste Entscheidung, den ersten Schritt zu tun – und der Beginn eines Weges. “Wer Gott wirklich sucht, der findet Zeichen seiner Gegenwart. Wer auf Gott vertraut, lebt leichter.”

Für den Benediktiner Anselm Grün hängt Gottvertrauen von Vertrauenserfahrungen der Kindheit ab. “Aber auch wenn ich da wenig Gottvertrauen mitbekommen habe, kann ich es dennoch lernen.” Allerdings könne man das nicht pauken wie Vokabeln. “Ein Weg, Gottvertrauen zu lernen, ist das ‘So tun als ob'”, erläutert der Ordensmann. “Ich sage mir etwa den Psalmvers vor: ‘Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.’ Ich brauche daran nicht zu glauben. Aber: Wenn das stimmt, wie fühle ich mich dann, wie geht es mir dann? Und vielleicht weckt dieses Wort in mir die Sehnsucht danach, dass es stimmt. Dann kann ich versuchen, eine Zeitlang mit diesem Wort zu leben, so dass ich mit dem Vertrauen in mir in Berührung komme.”

Glauben und Gottvertrauen sind eine Herausforderung. Das sah auch der 2021 verstorbene Theologe Hans Küng so. Ihn erinnerte der Glaube an Gott an “das Wagnis des Schwimmens. Man muss sich dem Wasser anvertrauen, um zu sehen, dass es trägt”. Doch ohne Übung geht beides nicht.

Die Suche nach spirituellen Erfahrungen ist heute vielfach geprägt von dem Wunsch nach Ruhe und Ausgeglichenheit. Der Fokus liegt laut Thenée auf Selbstoptimierung. Beim Yoga westlicher Prägung beispielsweise richte sich der Blick vor allem auf die eigene Befindlichkeit und den eigenen Körper. In der christlichen Meditation und Kontemplation gehe es ebenfalls darum, innere Ruhe zu finden; “aber man ist ausgerichtet auf ein ‘Du’, zu dem ich in Beziehung trete”.

Diese Hinwendung auf ein Du habe etwas Entlastendes. Schweres, Belastendes; die Sorge um liebe Menschen und das Weltgeschehen könnten so, etwa vor dem Zubettgehen, ein Stück weit vertrauensvoll abgegeben werden. Anselm Grüns Tipp: “Ich lege mich aufs Bett und stelle mir vor: Ich liege nicht nur auf dem Bett, sondern in Gottes Hand, in der ich geborgen bin, in der ich einfach sein darf, wie ich bin.”

Zwar könnten viele Gott ebenso wenig spüren wie Gottvertrauen. Aber sie sehnten sich danach: “Und in der Sehnsucht nach Vertrauen ist schon Vertrauen. Die Sehnsucht ist die Spur, die Gott in unser Herz gegraben hat. So können wir eine Spur Gottes in uns spüren.”

Ein Abendgebet könne auch helfen, Zukunftsängste loszulassen, sagt der Ordensmann. “Dabei geht es nicht darum, dass ich Gott bitte, er soll mir meine Sorgen und meine Zukunftsängste einfach wegnehmen. Gott ist kein Zauberer, der mir die Angst wegzaubert. Aber wenn ich meine Sorgen und Ängste Gott hinhalte und mir vorstelle, dass seine Liebe da hinein strömt, dann verlieren die Ängste ihre Macht über mich.”

Für den früheren tschechischen Präsidenten Vaclav Havel ist eine Sinn-Komponente in allem Tun wichtig. Für ihn bedeutete Hoffnung “nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht”. Daran orientiert sich auch Marita Thenée: “Es macht für mich Sinn, mich für die Bewahrung der Schöpfung zu engagieren und ökologisch zu handeln, auch wenn anderswo alles platt gebombt wird.” Denn wer selbst sinnvoll handle, erfahre dadurch Selbstwirksamkeit – und das stärke wiederum in Krisenzeiten.

Ähnlich formuliert es der Religionspädagoge Fulbert Steffensky. “Es garantiert uns keiner, dass das Leben auf der Erde in absehbarer Zeit nicht kollabiert, auch kein Regenbogen. Aber wir können tun, als hofften wir”, erklärt er. “Hoffen lernt man auch dadurch, dass man handelt, als sei Rettung möglich. Hoffnung garantiert keinen guten Ausgang der Dinge. Hoffen heißt, darauf vertrauen, dass es sinnvoll ist, was wir tun. Hoffnung ist der Widerstand gegen Resignation, Mutlosigkeit und Zynismus.”

Auf Zuversicht setzt auch die Franziskanerin Katharina Kluitmann. In einer “Ermutigung zum neuen Jahr” schreibt sie: “Was auch immer geschieht, geopolitisch und in der Gesellschaft, in Pfarrgemeinde, Bistum und Weltkirche, in meinem Umfeld und bei mir persönlich, eins steht fest: Gott wird sorgen! Gott wird trotz allem sorgen. Gott wird in allem sorgen. Er wird für uns alle sorgen. Und nicht zuletzt wird er durch uns sorgen. Das zu glauben, ist ein Segen.”

Für Anselm Grün ist Gottvertrauen “nicht die Illusion, dass mir nie etwas Schlimmes widerfahren kann. Aber es ist das Vertrauen, dass ich – ganz gleich, was passiert – in Gottes guter Hand geborgen bin, dass ich aus Gottes liebenden Händen nicht fallen kann”. Dieses Vertrauen relativiere Gefährdungen von außen. Vor ihnen sollte man zwar nicht die Augen verschließen, aber man müsse auch nicht auf sie fixiert sein.