Sabine Becker hat das Konstanzer Stadttheater vor harten Sparkurs bewahrt. 2025 lässt sie ihren Vertrag dennoch auslaufen - und gibt das jetzt schon bekannt.
Die Theaterfreunde am Bodensee verstehen die Welt nicht mehr. Während die städtischen Bühnen in Konstanz in dieser Saison einen Erfolg nach dem anderen abliefern und die Darsteller gefeiert werden, geht es hinter dem Bühnenvorhang turbulent zu.
Zuerst wollte die Stadt das Theater einer finanziellen Rosskur unterziehen und die Zuschüsse um 20 Prozent kappen. Dieser Vorstoß wurde durch die Theaterleute unter Führung der Intendantin Karin Becker tapfer abgewehrt. Doch auch nach diesem politischen Sieg, der das Theater stärken sollte, kehrt keine Ruhe ein. Überraschend kündigt die erfolgreiche und anerkannte Intendantin jetzt an, dass sie ihren bis 2025 gültigen Vertrag zwar erfüllen, aber nicht mehr verlängern will.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Bühnenchefin die Bretter wechselt. Überraschend ist freilich der Zeitpunkt, zu dem die 55-Jährige ihren Entschluss bekannt gibt. Der frühe Zeitpunkt deutet an, dass sie mit dem Konstanzer Theater abgeschlossen hat.
In einer Pressemitteilung des Theaters heißt es: "Das Haus war und ist in den letzten Spielzeiten immer wieder Gegenstand von Haushaltskonsolidierungs-Diskussionen. Die Auswirkungen davon haben die Arbeit und die künstlerischen Prozesse beeinflusst und werden zusätzliche Kräfte erfordern."
Auf Nachfrage sagte sie: "Seitdem ich in Konstanz bin, wird über Einsparungen diskutiert. Dabei will ich künstlerisch arbeiten, das ist mein Job." Auch wenn die aktuelle Sparrunde überstanden sei, würden nach ihrer Einschätzung bald neue Pläne geschmiedet, um Geld zu sparen. Das sei aber nicht ihre Kernaufgabe als Intendantin, sagt sie der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Das Konstanzer Theater versteht sich als älteste Bühne Deutschlands, die durchgängig bespielt wird. Ursprünglich bildete sie einen Teil des Jesuiten-Kollegs. Heute stellt sie einen Pfeiler der kulturellen Aktivitäten der Stadt Konstanz. Der Gemeinderat dort wählt den Chef oder die Chefin dieser Einrichtung. Nach dem aufwühlenden Wirken des Intendanten Christoph Nix verstand es Karin Becker, Ruhe in das Ensemble zu tragen.
Sie trat 2020 und damit mitten in der Coronazeit an. Zusammen mit dem Ensemble schaffte sie es, die leer gewordenen Ränge zu füllen. Inzwischen ist die Mehrzahl der Vorstellungen ausverkauft, was auch mit den gediegenen Inszenierungen zu tun hat.
Auch als Kulturpolitikerin wird Becker eine gute Hand bescheinigt. Als rigorose Sparansätze auf den Tisch kamen, verfiel sie nicht etwa in Klagen; sie aktivierte die Theaterfreunde und Bürgerinnen und füllte - zusammen mit den Anhängern der Philharmonie - den halben Münsterplatz mit protestierenden Menschen, die auf die gewohnte kulturelle Vielfalt nicht verzichten wollen.
Dem Sparkurs wäre eine von drei Standorten zum Opfer gefallen, und zwar die Werkstatt mit ihrem experimentellen Charakter. Also ließ Becker dort 24 Stunden lang spielen, um zu zeigen, dass man auf diese Kleinbühne so wenig verzichten kann wie auf das repräsentative Große Haus. Dieser Einsatz fand Zuspruch, auch unter traditionell gestimmten Konstanzern. Dass sie nun hinwirft, bringt der Kulturbürgermeister Andreas Osner treffend auf den Punkt: "Das ist ein herber Verlust."