Wie Edward Janner vor 200 Jahren die Impfung gegen Pocken erfand

Vor 200 Jahren infizierte der Landarzt Menschen mit Viren der harmlosen Kuhpocken, um sie gegen gefährlichen Menschenpocken zu immunisieren – sogar den eigenen Sohn.

„Pockenimpfung“, Gemälde von Alfred Touchemolin, Französischer Maler (1829-1907)
„Pockenimpfung“, Gemälde von Alfred Touchemolin, Französischer Maler (1829-1907)imago/United Archives International

Seit 1980 gilt die Welt als pockenfrei – ein riesiger Erfolg vor allem des Impfprogramms der Weltgesundheitsorganisation WHO. In den zurückliegenden Jahrhunderten hatte die gefährliche Viruskrankheit, die mit hohem Fieber und einem typischen Hautausschlag einhergeht, für Millionen Tote weltweit gesorgt.

Einen wesentlichen Anteil am Erfolg gegen die Infektionskrankheit hatte der englische Landarzt Edward Jenner, der die moderne Pockenschutzimpfung erfand. Seine lebensgroße Marmorstatue steht in der mittelalterlichen Kathedrale im englischen Gloucester – mit wallendem langen Mantel und einer Schriftrolle in der Hand. Vor 200 Jahren, am 26. Januar 1823, starb der Wohltäter der Menschheit.

„Blattern“ waren immer da

„Die Pocken waren immer da, füllten die Kirchhöfe mit Leichen, peinigten den Verschonten mit ständiger Angst, hinterließen an dem mit dem Leben Davongekommenen die scheußlichen Spuren ihrer Macht“, so schilderte der englische Historiker Thomas Macaulay (1800-1859) die Auswirkungen der auch als „Blattern“ bezeichneten Krankheit. Auch Goethe überlebte in der Kindheit eine Infektion.

Dabei hatten Menschen schon weit vor Christi Geburt beobachtet, wie man der Seuche Herr werden könnte. Aus Indien, China oder Konstantinopel gibt es Berichte, dass Personen, die eine Infektionskrankheit überstanden hatten, vor weiteren Ansteckungen geschützt waren. Der gleiche Effekt trat ein, wenn man Gesunde mit abgeschwächten Formen des Erregers in Kontakt brachte. In China verrieb man bereits 1.000 Jahre vor Christus eingetrocknete Pockenkrusten im Mörser und verabreichte den Staub als Schnupfmittel.

Impfung blieb riskante Maßnahme

Im Zeitalter der Aufklärung lösten solche Berichte in Westeuropa eine Forschungswelle aus. Den Durchbruch schaffte Jenner 1796: Er hatte erkannt, dass Landarbeiter und Melkerinnen, die sich mit harmloseren Kuhpocken infiziert hatten, gegen die Menschenpocken immun waren.

Edward Jenner (1749 – 1823), Englischer Physiker und Erfinder der Pockenimpfung
Edward Jenner (1749 – 1823), Englischer Physiker und Erfinder der Pockenimpfungimago images/H. Tschanz-Hofmann

Jenner wurde 1749 als achtes von neun Kindern des Vikars von Berkeley geboren. Bereits als 14-Jähriger erlernte er die Chirurgie bei einem Wundarzt in Sudbury bei Bristol. Später studierte er am Saint Georges Hospital in London. Mit 23 Jahren kehrte er nach Berkeley zurück, wo er fortan als Landarzt tätig war.

Der Gedanke, die „Blattern“ auszurotten, hatte Jenner schon seit langer Zeit beschäftigt. 1757 wäre er selber beinahe an einer Pockenimpfung gestorben: Der örtliche Apotheker hatte ihn mit dem Eiter eines anderen, an Pocken erkrankten Menschen infiziert.

Geimpfte und Kühe

Jenner begann seine Studien 1775. Im Mai 1796 übertrug er Viren von einer an Kuhpocken erkrankten Melkerin auf den achtjährigen James Philipps. Wenige Wochen später erhielt der geimpfte Jungen frischen „echten“ Pockenstoff – und blieb gesund. Jenner nannte sein Verfahren „Vaccination“, nach vacca, dem lateinischen Wort für Kuh. Um seine Methode bekannt zu machen, schrieb er darüber einen Artikel für die renommierte Wissenschaftsgesellschaft „Royal Society“. Die wies die Publikation aber zunächst zurück, weil Jenner seine Impfung nur an einer Person getestet hatte. Deshalb infizierte der Landarzt weitere Menschen, sogar seinen erst elf Monate alten Sohn – bis schließlich seine Methode von der Royal Society anerkannt wurde.

Seit dem 19. Jahrhundert begannen die europäischen Staaten mit Impfprogrammen – in Deutschland zuerst 1807 in Hessen. Die Reichsregierung erklärte die Pockenimpfung 1874 zur Pflicht. Von Anfang an gab es auch Widerstand, bis hin zu den aktuellen Debatten über Corona-Impfungen. „Gottlos!“, wetterten Kirchenvertreter.

Zeitungen druckten Spottbilder, auf denen sich Geimpfte in Kühe verwandeln. Impfungen seien gesundheitsschädlich oder nicht wirksam, so die Gegenargumente.

Impfgegner gab es schon immer

Erste Impfgegner-Organisationen wurden 1869 in Leipzig und Stuttgart gegründet. In der Weimarer Republik hatte der Reichsverband zur Bekämpfung der Impfung rund 300.000 Mitglieder. In der Tat wurden immer wieder durch mangelnde Hygiene und Unkenntnis Krankheiten auf Geimpfte übertragen; auch allergische Reaktionen sorgten für Tote. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts erkannte man zudem, dass bisweilen eine Zweitimpfung nötig war.