Wegen der Vogelgrippe sind in diesem Jahr schon sehr viele Gänse und Hühner gestorben. Wie gehen die Landwirte damit um? Ein Gespräch mit einem, der optimistisch bleibt.
"Angefangen hat es mit einem Kranich, der vom Himmel gestürzt ist", sagt Malte Voigts. Er sitzt in seinem Büro neben einem großen Flipchart und trinkt einen Kaffee. Auf dem Flipchart hat der Landwirt etwas ausgerechnet. Da steht: Kilopreis 20 Euro.
Der Kranich flog in einer klassischen Formation, so wie man es von Wildvögeln kennt, erzählt Voigts. Plötzlich scherte er aus und landete etwa drei Kilometer entfernt von der Wiese, auf der seine Gänse herumliefen. Das Veterinäramt begann zu prüfen.
Voigts ist Betriebsleiter eines Spargelhofs im brandenburgischen Kremmen, zu dem auch eine 15 Hektar große Gänseweide gehört - das sind mehr als 21 Fußballfelder. "Wenige Tage nach dem Fall landete ein weiterer Kranich auf einer unserer Wiesen", erklärt Voigts.
Es dauerte nicht lange, bis eine seiner Gänse mit ihrem Schnabel den Tierkadaver berührte - und sich selbst und die anderen infizierte. Das war am 16. Oktober. "Gänse sind einfach sehr neugierige Tiere", sagt der Landwirt.
Am 23. Oktober schon waren all seine Tiere tot. Besser gesagt: getötet, denn Voigts musste eine Firma engagieren, die seine mehr als 5.000 Tiere zur Vermeidung weiterer Infektionen eliminierte. Mit Gas - in einem Metallcontainer, der unweit der Weide aufgestellt wurde.
Es ging alles sehr schnell, sagt Voigts. Er ist in 18. Generation Landwirt, wie er selbst sagt. Gebürtig kommt er aus der Lüneburger Heide. Etwas Vergleichbares habe er noch nicht erlebt.
"Das ist ein tragischer Moment", sagt Voigts, als er vor dem leeren Gehege steht. "Aber ich bin ein Nutztierhalter", ergänzt der Gänsehalter pragmatisch. "Das heißt, ich halte Tiere, um sie zu verkaufen", sagt er, während er auf die leer gefegten Wiesen seines Hofes blickt.
Die weißen Federn von den toten Gänsen liegen auf einer saftig grünen Wiese, während Brandenburgs Wälder in den bunten Farben des Herbsts erstrahlen; wer in die Weite schaut, kann sich kaum vorstellen, dass die Aviäre Influenza, wie man die Vogelgrippe auch nennt, hier ihr Unwesen getrieben hat. Die infizierten Federn müssen jetzt alle eingesammelt werden. Es sind geschätzt Tausende.
Zehn - mit so vielen Gänseküken hat Voigts angefangen, erzählt er. "Sechs der ausgewachsenen Tiere habe ich mit meiner Frau und meinen Kindern im ersten Jahr selbst gegessen. Die anderen vier habe ich an Freunde und Bekannte verschenkt." 2015 begannen sie dann erstmals 150 kleine Gänseküken, also Gössel, für den Spargelhof zu kaufen. Sie stockten immer weiter auf. Obwohl die Vogelgrippe in Deutschland schon länger grassiert, ist es jetzt das erste Mal, dass sein Bestand davon betroffen ist.
Die Gänse sind ganzjährig draußen. Jedes seiner Tiere habe 30 Quadratmeter Wiesenfläche, sagt Voigts. Der Umtrieb der Gänse von einer Parzelle zur anderen sorgt dafür, dass die Tiere sich so bewegen, dass das Gras saftig bleibt.
"Die ersten Gössel kommen im April zu uns. Mit der Schlachtung beginnen wir eigentlich im September", erklärt der Gänsehalter. Mehrere Monate der aufwendigen Aufzucht seien jetzt futsch. Auch alle seine Enten mussten getötet werden.
Voigts ist es sehr wichtig, dass seine Tiere in Freilandhaltung leben. Raum, um die Tiere einzustallen, wenn wie jetzt eine Stallpflicht verhängt wird, hat er nicht. Trotz des Risikos will er aber auch im nächsten Jahr an seinem Modell festhalten.
Und was ist jetzt mit Gänsekeule zum Martinsfest und Weihnachten? Ganz vom Tisch sei die Gans nicht, sagt Voigts. Den Online-Verkauf habe er zwar zunächst eingestellt. "Zuletzt haben sich aber mehrere Landwirte bei mir gemeldet, die mir ihre Tiere verkaufen."