Ab einem bestimmten Alter wird man aus seiner Wohnung oder auch von der Straße abgeholt und muss in eine sogenannte Altenkolonie ziehen. Diese ist abgeschottet und eine von außen nicht einsehbare Endstation. Eine Frau, die das vorgegebene Alter erreicht hat, weigert sich und will sich ihren Lebenstraum noch erfüllen: einmal zu fliegen. So flieht sie aus ihrem bisher recht angepassten Leben, beginnt eine Reise, die zurück ins Leben und in die Weiten des Amazonas führt.
Das brasilianische Filmkunstwerk „Das tiefste Blau“ hat mit dieser dystopischen Geschichte den Preis der Ökumenischen Jury auf der Berlinale 2025 gewonnen und lief danach auch in den Berliner Kinos und im weltweiten Vertrieb. In der Kategorie Panorama gewann im vergangenen Jahr zusätzlich der südafrikanische Film „Das Herz ist ein Muskel“ den ökumenischen Preis. Im Mittelpunkt steht hier die Frage, wie und dass Vergebung möglich ist in einer von Gewalt geprägten Gesellschaft.
Lange Zeit Misstrauen gegenüber Film
Für mich zeigt sich hier die Verbindung von Kino und Kirche. Die genannten Filme nehmen auf, was an existenziellen Ängsten, Fragen und der Sehnsucht nach Sinn und Orientierung „in der Luft“ liegt. Sie weichen drängenden Themen der Zeit nicht aus, sie fassen sie in bewegte und bewegende Bilder und erzählen Geschichten mit einem eigenen Soundtrack.

Ein kurzer Blick zurück: Kirche und Kino sind seit Anbeginn des Kinos eng miteinander verbunden. Die ersten sogenannten Lichtspieltheater wurden oft von einer Orgel oder einem Piano begleitet, die Grundrisse von Kinos ähnelten denen von Kirchen, Namen wie „Gloria“, „Excelsior“ oder „Rex“ gaben durchaus biblische Anklänge. Das Filmland Brandenburg mit dem Standort Babelsberg und Berlin mit der Berlinale bringt Kirche und Kino herausragend zusammen.
Filme zeigen Hoffnung auf Frieden
Die „Gefahr“, dass es attraktiver sei, in Kinos zu gehen als in Gottesdienste und sich dabei der Wertekosmos zum Negativen verändere, hat lange Zeit das Misstrauen gegenüber der Filmkunst geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem gerade auch die „Wochenschau“ und Filme zur Propaganda genutzt worden sind, haben die evangelische wie die katholische Kirche versucht, das Kino durch pädagogische Empfehlungen und ethische Bewertungen einzuhegen und selbst Filme in Auftrag gegeben.
Über die Frage, ob es religiöse Filme gibt, die das Evangelium verkünden können, ist lange gestritten worden. Seit vielen Jahrzehnten wird ein anderer Weg beschritten: Es gibt professionelle Medienstellen, die Filme für Gemeinden und für Bildung bereitstellen. Filmfestivals werden als intensive Dialogräume wertgeschätzt und Filme als gesellschaftliche, politische, kulturelle und religiöse Seismografen ernstgenommen. Gerade auf der Berlinale gibt es hier seit Jahrzehnten viel zu entdecken. Das ist oft nicht rein unterhaltsam, sondern nimmt die Zuschauenden mit in die Dramen dieser einen Welt.
Eindrückliche Bilder
Filme, die in den letzten Jahren von einer kirchlichen Jury ausgezeichnet worden sind, lassen zum Beispiel eine Kinofilmlänge die Schrecken des Krieges in der Ukraine durch die Perspektive einer jungen Familie erleben oder zeigen die Sehnsucht von Menschen im autoritären Iran nach Momenten von Glück. Sie alle eint, dass auf einer tieferen Ebene die Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden Bilder und Orte findet.
Filme geben Raum für Klage und Dank, Zweifel und Zuversicht trotz allem. Das verbindet sie mit dem Evangelium, das Wahrheit über Macht stellt und Menschen aus Enge und Unfreiheit in die Freiheit und Liebe der Kinder Gottes führen will. Ich bin nun sehr gespannt auf die 76. Berlinale in diesem Jahr. Ich hoffe mit einem Jurypräsidenten wie Wim Wenders, dass gute Geschichten und Bilder aus aller Welt die Zuschauer:innen in Bewegung bringen. Dass sie im besten Sinne unterhalten und uns gemeinsam auf die Reise mitnehmen zu dem, was Himmel und Erde verbindet.
Julia Helmke war viele Jahre regelmäßiges Jurymitglied bei großen Filmfestivals wie Berlin, Cannes, Locarno, Karlovy Vary und anderen. Sie ist seit 2013 Präsidentin der evangelischen internationalen Filmorganisation INTERFILM. Sie wird es dieses Mal kaum schaffen, selbst Filme auf der Berlinale zu schauen. Umso mehr freut sie sich auf den Ökumenischen Filmempfang und Filmgottesdienste in Gemeinden. Außerdem gibt es mit ihr am 15. Februar um 10 Uhr unter dem Motto „Bewegte Bilder in bewegenden Zeiten“ einen RBB-Rundfunkgottesdienst. Der Gottesdienst wird live auf radio3 übertragen.
