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Wer sprengt wen? AWO geht neue Wege im Umgang mit “Systemsprengern”

Als Systemsprenger werden verhaltensauffällige Jugendliche bezeichnet, die oft aus schwierigen Familienverhältnissen stammen und in den regulären Angeboten der staatlichen Kinder- und Jugendhilfe keine angemessene Hilfe finden. Diese Jugendlichen fallen sozusagen aus den bestehenden Hilfesystemen heraus, wobei viele Experten sagen, dass nicht die Kinder das System sprengen, sondern das System die Kinder.

Statistisch werden Systemsprenger nicht erfasst. Die Statistik dokumentiert indes die Zahl der Kinder, die nicht bei ihrer Familie leben. 2023 waren rund 128.000 junge Menschen in einem Heim und rund 87.000 in einer Pflegefamilie untergebracht. Die Zahl der Kindeswohl-Gefährdungen ist laut Statistischem Bundesamt innerhalb von fünf Jahren um 31 Prozent gestiegen. 2024 wurden bei 72.800 Kindern Vernachlässigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt festgestellt. Die Kindeswohl-Gefährdung ging in 75 Prozent aller Fälle von einem Elternteil aus.

Bekannt wurde der Begriff Systemsprenger durch den gleichnamigen Kinofilm der Regisseurin Nora Fingscheidt aus dem Jahr 2019. Im Mittelpunkt des Dramas steht die neunjährige Benni, die aufgrund ihrer unkontrollierbaren Wut- und Gewaltausbrüche immer wieder in die Psychiatrie, ins Heim und zu wechselnden Pflegefamilien kommt.

Um Kinder, an die die Jugendhilfe nicht herankommt, kümmert sich seit 2023 das Projekt „Dynamite“. Im Mittelpunkt des Konzepts steht die „bedingungslose Beziehung“. Die Kinder und Jugendlichen können sich darauf verlassen, dass sie unabhängig von Regelverstößen und Fehlverhalten immer willkommen in ihren Wohngruppen sind und nicht abgewiesen werden.

An der Forschungskooperation der Arbeiterwohlfahrt Braunschweig und der Ostfalia-Hochschule sind die Landkreise Helmstedt, Salzgitter, Goslar, Hildesheim und Wolfenbüttel beteiligt. Ziel ist es, Verständnis für die schwierige Lebensrealität der Jugendlichen zu bekommen, zu sensibilisieren und Vorurteile abzubauen. „Dynamite“ wird unterstützt durch die Stiftung Braunschweiger Kulturbesitz, die Kroschke-Kinderstiftung und das Landesjugendamt Hannover.