Mittelalterliches Grafitti in Greifswalder Kirche

Wer malte die Fratze von St. Marien?

Unter alten Farbschichten ist die Malerei vor zwei Jahren wieder aufgetaucht. Ein Schriftsteller hat einen Roman um die Fratze gestrickt, der NDR drehte einen Kurz-Film.

Drehtermin des NDR in der Marienkirche Greifswald: Der Prior richtet sich für eine Szene ein

von Christine Senkbeil

Greifswald. „Sie müssen mal gucken kommen, wir haben oben an der Wand eine Fratze entdeckt“, hatte Pastorin Ulrike Schäfer-Streckenbach von St. Marien zu Hans-Jürgen Schumacher gesagt. So etwas lässt der Buchautor sich nicht zweimal sagen!
Tatsächlich war bei Bauarbeiten in 20 Meter Höhe an der Ostwand unter einer Farbschicht der Seitenriss eines verschrobenen Bärtigen hervorgetreten, und dazu ein fischbeschupptes Vogelwesen mit Entenschnabel und Greifklauen. Sie sind unscheinbar, diese kindhaften Strichzeichnungen – fast nur Wasserzeichen. Doch Schumachers Fantasie gaben sie Flügel. Dank dieser ist nämlich die Fratze inzwischen über Fernsehleinwände geflimmert und zur Hauptgestalt eines historischen Romans geworden.

Malerei etwa 700 Jahre alt

Doch von vorn. Zuerst befragte Schumacher den Greifswalder Bauhistoriker André Lutze, wie und wann die Fratze in diese schwindelnde Höhe gemalt worden sein könnte – aus wissenschaftlicher Sicht. „Die Zeichnung muss aus der Bauzeit stammen“, meinte er. Sie sei auf die erste weiße Ausmalung gekritzelt worden und also 700 Jahre alt. Aber dann geht es auch schon mitten hinein ins Reich der Interpretation. Könnte es eine Art mittelalterliches Graffiti sein? Heimlich hingeschmiert? „Es wird vermutet, dass sich ein schlecht bezahlter wütender Gastarbeiter Luft gemacht hat“, sagt Schumacher. Aber vielleicht war ja auch alles ganz anders!?
Schumacher stellt seine Handlung in einen historischen Kontext. Er hat sich lange mit der Geschichte  der Stadt beschäftigt und viel Interessantes von Lutze erfahren – zum Beispiel, dass im Turmportal von St. Marien früher Gericht gehalten wurde. „Das Buch ist so auch eine Reise in die Kinderstube der Stadt geworden. Greifswald war gerade 75 Jahre alt. Die großen Kirchen entstanden erst“, erzählt er begeistert. In das Jahr 1325 hinein pflanzt er den Roman rund um die Fratze und füttert ihn an mit detailreichen Beschreibungen örtlicher Begebenheiten und historischen Bezügen. „Es ist beim Schreiben beinahe durchgegangen mit mir“, erzählt er lachend – der Leser wird es spüren.  Mitte April rückte dann der NDR mit einem Drehteam an, um einen Bericht für das Nordmagazin über die Fratze von St. Marien, das Buch und den Autor in den Kasten zu kriegen. „Wir haben die Geschichte natürlich stark zusammengefasst“, sagt Rebecca Bahr vom NDR.

Erklärbar? Langweilig!

Ein Prior von Eldena spielt die Hauptrolle. Er muss Urteil fällen über die junge schöne Rosalia, gespielt von Julia Hochschild. Ein Mönch (Frank Poschepny) beschuldigt sie, eine Hexe zu sein. Dabei war er es, der übergriffig wurde, als sie ihm einen Kräutertrank brachte. Der Prior ahnt es, dennoch verurteilt er sie. Rosalia verflucht ihn. In diesem Moment erscheint die Fratze an der Wand. Doch das ist nicht alles.
Schumacher lässt die Zeichnung nun lebendig werden: in Menschengestalt, dargestellt von Schauspieler Marco Bahr, steigt sie gemeinsam mit dem Entenvogel herab und wird zum grausigen, lebendigen Schatten des Priors. Entstanden ist quasi eine Mini-Verfilmung des Buchstoffes: ein spannender Viereinhalbminüter. Er beantwortet auch die Frage, ob der Prior die Fratze wieder los wird, oder ob sie noch durch Greifswald spukt.
„Alles, was erklärbar ist, ist langweilig“, sagt der Autor über seine Idee zum Roman. „Es macht mir einen Riesenspaß, solche Geschichten zu erfinden.“ Im Nordmagazin lief „Die Fratze von St. Marien“. Hier ist sie in der NDR-Mediathek zu sehen.
Buchtipp
Hans-Jürgen Schuhmacher: Die Fratze von St. Marien
M-V Verlag & Marketing
ISBN 978-3-946096-01-6

Das Buch können Sie in der Evangelischen Bücherstube bestellen: Telefonische Bestellhotline: 0431 / 51 97 250 oder per E-Mail:bestellservice@buecherstube-kiel.de.
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