Wenn Alzheimer schon mitten im Arbeitsleben zuschlägt

Sechs Prozent der Erkrankten unter 65 - zu früh für die Rente

Arbeiten bis 70 - trotz steigender Alzheimer-Zahlen? Wer jung erkrankt, steht oft ohne Perspektive da. Dabei bleiben Fähigkeiten in vielen Fällen erhalten. Fachleute drängen daher auf flexiblere Arbeitsmodelle.

Alzheimer betrifft immer mehr Menschen - nicht nur die über 70-Jährigen. Patientenvertreter warnen deshalb nun vor einer Erhöhung des Rentenalters. "Arbeitsunfähige Alzheimer-Erkrankte würden dann noch später Altersrente beziehen", sagt Antje Baselau, Geschäftsführerin der Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft sind in Deutschland sechs Prozent aller Betroffenen unter 65 Jahre alt. "Die Kinder sind noch in Ausbildung, das Haus noch nicht abbezahlt," sagt Baselau. "Für sie ist es schon jetzt schwierig."

Alzheimer ist die häufigste aller Demenzerkrankungen. Zu den ersten Anzeichen gehören kognitive Schwierigkeiten: Betroffene vergessen Aufgaben oder sind unkonzentriert.

Bei jüngeren Patienten ist die Erkrankung oft weniger offensichtlich: "Nur ein Drittel aller Demenzerkrankten unter 65 Jahren hat Alzheimer", sagt Anne Pfitzer-Bilsing, Leiterin Wissenschaft der Stiftung Alzheimer Initiative. Insgesamt dagegen liegt der Anteil bei zwei Dritteln. "Häufiger als Ältere haben sie auch andere Formen der Demenz".

Mit anderen Symptomen: Manche Betroffene haben Sprachstörungen oder fühlen sich unruhig. Manche ziehen sich zurück, werden eher aggressiv als üblich. "Erste Verdachtsdiagnosen gehen deshalb oft in Richtung Depression oder Burnout", sagt Pfitzer-Bilsing. "Die Diagnose Demenz erfolgt oft erst in einem späteren Stadium." Dann also, wenn sich die Symptome häufen. Verbreitet sind in höherem Alter auch Mischformen von Alzheimer und weiteren Demenzerkrankungen.

Im Arbeitsalltag macht sich die Erkrankung oft schon vorher bemerkbar. "Demenz hat Auswirkungen auf das Verhalten und die Persönlichkeit eines Menschen. Betroffene verlieren zum Beispiel die Fähigkeit zur Orientierung oder dazu, Alltagsaktivitäten planen zu können", sagt Pfitzer-Bilsing. "Wenn jemand im Beruf steht, dann fällt das nach und nach auf."

Viele Betroffene lassen sich nach einer ersten Diagnose krankschreiben. "Die meisten wollen nicht mehr arbeiten. Ihnen wird das zu anstrengend", sagt Baselau. Andere wollen zwar weiter arbeiten, fühlen sich aber mit ihren gewohnten Aufgaben überfordert. Von ihrem Arbeitgeber fürchten sie zu wenig Unterstützung und sehen keine Alternativen.

Wieder andere fühlen sich von ihrer Erkrankung im Arbeitsalltag wenig beeinträchtigt und möchten Veränderungen vermeiden. "Ein Betroffener sagte mir, er habe Angst, anders behandelt zu werden, wenn er von seiner Erkrankung erzählt", sagt Baselau. "Er fühlt sich aber nicht anders."

Inzwischen gibt es Modelle, wie Demenzerkrankte über das Frühstadium hinaus in ihrem Job aktiv bleiben können: etwa durch klare Routinen und Checklisten, weniger Zeitdruck und weniger Multitasking. "Bei anspruchsvolleren Tätigkeiten können persönliche Assistenten helfen, gerade in jungen Jahren", sagt Baselau. "Ein an Alzheimer erkrankter Tischler kennt nicht jedes neue Gerät. Wenn ihn jemand unterstützt, leistet er aber auch dann hervorragende Arbeit."

Auch neue Aufgaben seien möglich: "Alzheimer-Erkrankte könnten immer noch neue Dinge lernen", sagt Pfitzer-Bilsing. "Es gibt Menschen, für die es die Lebensqualität erhöht, länger im Beruf zu verbleiben."

Ebenso können Menschen mit Alzheimer nach dem Berufsleben etwa ehrenamtliche Aufgaben übernehmen: Laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft haben viele Betroffene besonders im Frühstadium das Bedürfnis, weiterhin etwas Sinnvolles für andere zu tun. Das könne Nachbarschaftshilfe sein, wie Reparaturen oder Gartenarbeit, aber auch Lesepatenschaften an Schulen oder die Mithilfe bei Veranstaltungen. Wichtig sei es, so die Fachgesellschaft, an frühere Erfahrungen und Vorlieben anzuknüpfen.

Pfitzer-Bilsing empfiehlt, bei Anzeichen wie Stimmungsveränderungen oder Orientierungsschwierigkeiten frühzeitig den Arzt aufzusuchen. In Gedächtnissprechstunden an Kliniken könnten Betroffene die Symptome von Ärzten abklären lassen. "Demenz ist nicht heilbar, die Symptome sind aber behandelbar", sagt Pfitzer-Bilsing.

Ist die Diagnose gefallen, rät Bausel dazu, frühzeitig einen Antrag auf einen Behindertenausweis zu stellen: Menschen mit Schwerbehinderung erhalten besondere Arbeitsrechte. Eine Kündigung ist dann zum Beispiel nur mit Zustimmung des Integrationsamtes möglich. Der Ausweis kann außerdem dabei helfen, einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente zu stellen.

Arbeitnehmern mit Demenz droht laut Bausel häufig der Jobverlust, auch im Frühstadium. Gerade kognitive Erkrankungen gälten immer noch als Tabu, "vielleicht weil sie unser wichtigstes Organ betreffen und mit Alzheimer auch unsere Persönlichkeit verschwindet". Sie fordert eine offene Kommunikation von Arbeitgebern und kreativere Möglichkeiten, die Arbeitsplätze von Erkrankten zu erhalten. "Diese Entwicklung brauchen wir jetzt schon", sagt sie. "Und noch mehr, wenn Menschen bis zum Alter von 70 arbeiten sollen."

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