Hannoversche Landeskirche vor Pastorenmangel

Weniger Pastoren, mehr Ruheständler

In drei Jahren wird rund jede zehnte Pfarrstelle in der hannoverschen Landeskirche unbesetzt sein. Viele Pastoren in den Ruhestand – schwere Zeiten für die Gemeinden.

Ein Pastor predigt auf der Kanzel (Symbolbild)

von Sven Kriszio

Hannover. Schon jetzt trifft es manche Gemeinde im Bereich der Landeskirche Hannovers hart. 62 Stellen sind derzeit nicht besetzt. Doch diese Lücke wird in Kürze noch dramatisch wachsen: Denn allein im kommenden Jahr werden voraussichtlich 66 Pastoren aus dem Dienst ausscheiden, etwa 92 weitere im darauffolgenden Jahr und im Jahr darauf nochmals rund 100, sagt Oberkirchenrätin Nicola Wendebourg, Leiterin der Personalabteilung der Landeskirche. Insgesamt rechne sie mit 600 Ruheständlern bis zum Jahr 2030. Unter Berücksichtigung der „Neuzugänge“ bedeute dies auf Stellen umgerechnet, dass schon in drei Jahren rund 160 der insgesamt 1600 Pfarrstellen vakant seien, also jede zehnte Stelle, vermutet Wendebourg.

Die Oberkirchenrätin sieht die Entwicklung mit Sorge: „Wir haben uns auf den Weg gemacht“, sagt sie. So wird seit Jahren um Nachwuchs geworben. Auch an einer Verbesserung der Rahmenbedingungen des Pfarrberufs arbeitet man. Mehr Verkündigung und Seelsorge, weniger Verwaltung, heißt die Devise. „In diesem Prozess erlebe ich viel Aufbruch“, sagt Wendebourg. Ohne stärkere Beteiligung von Ehrenamtlichen werde der Personalmangel nicht abzufedern sein.

Weitere Anreize müssen her

Auch Pastor Andreas Dreyer vom Hannoverschen Pfarrverein und der Pfarrvertretung der hannoverschen Landeskirche ist angesichts der dramatischen Lücke bedrückt. „Ich raufe mir die Haare. Aber niemand kann die fehlenden 600 Pastoren aus dem Hut zaubern.“ Für Gemeindepastoren habe man bereits Verbesserungen erreichen können, zum Beispiel wurde der Zuschnitt der Pfarrbezirke für die Probedienstler verbessert, viele Dienstwohnungen wurden modernisiert.

„Am Ernst der Lage ändern diese Maßnahmen wenig. Wir brauchen dringend weitere Anreize, um den Beruf attraktiver zu machen“, so der Vertreter der Pastorenschaft. Dreyer, selbst auf dem Lande tätig, schlägt Dienstwagen vor und eine Art „Halteprämie“ für Pastoren in unbeliebten Gebieten. Seine Sorge ist jedoch vor allem, dass dort unbesetzte Stellen gestrichen werden könnten.

EKD diskutiert Regelung zum Ruhestand

Älter ist der Vorschlag, sogenannte Funktionspastoren aus dem übergemeindlichen Dienst in die Gemeinden vor Ort zu versetzen und so die Personallücke zu füllen. Für Dreyer wäre das keine Patentlösung: „Die Kollegen im übergemeindlichen Dienst leisten ebenfalls gute Arbeit, und wir brauchen sie dort, wo sie sind.“

Langfristig könne er sich jedoch eine Reduzierung der 290 übergemeindlichen Stellen zugunsten der Gemeindestellen vorstellen, sagt Dreyer. Denn die Quote dieser Pfarrstellen sei in Hannover im Vergleich zu anderen Landeskirchen recht hoch.

Für das Personalreferat sind Versetzungen noch kein Thema. Schon jetzt würden Funktionspfarrer in Gemeinden mitarbeiten, etwa Gottesdienste halten, betont die Personalchefin. Außerdem würde deren Arbeit, etwa in der Prädikantenausbildung, den Gemeinden zugutekommen.

Auf ihrer Herbst-Synode wird die Evangelische Kirche in Deutschland voraussichtlich ein Gesetz zur Flexibilisierung des Ruhestands von Pastoren beschließen. Eine Wende wird das nicht herbeiführen. „Die Situation ist herausfordernd, aber kein Untergang“, sagt Wendebourg. „Es wird manches Neues entstehen.“

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren