Deutschland ist der größte Abnehmer von äthiopischem Kaffee weltweit. Die EU-Entwaldungsverordnung könnte Exporte nach Deutschland stark reduzieren. Dabei ist ihr Sinn in Äthiopien umstritten.
Kaffee, Soja oder Palmöl: Künftig sollen in der EU keine Agrarprodukte mehr verkauft werden, für deren Herstellung Wälder abgeholzt wurden. Die Auswirkungen der EU-Entwaldungsverordnung (European Union Deforestation Regulation, kurz EUDR) für äthiopische Kaffeebauern und deutsche Kaffeetrinker könnten allerdings weitreichend sein. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) hat wichtige Fragen und Antworten zusammengestellt.
Ab dem 30. Dezember 2026 müssen Händler und verarbeitende Betriebe von Kakao, Palmöl, Rind, Kautschuk, Soja und Kaffee nachweisen, dass für ihre Rohstoffe kein Wald abgeholzt wurde. Die Kontrolle erfolgt über den Abgleich von aktuellen Satellitenbildern der Anbauflächen mit Bildern von vor 2021. Für Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten und einem Jahresumsatz unter 10 Millionen Euro greift das Gesetz ab dem 30. Juni 2027.
Die EUDR löst die bestehende EU-Holzhandelsverordnung ab und weitet deren Geltungsbereich aus. Ursprünglich sollten die neuen Dokumentationspflichten ab dem 30. Dezember 2024 gelten. Kurz vor dieser Frist einigten sich Europäischer Rat und Europäisches Parlament auf eine einjährige Verschiebung. Im Dezember 2025 folgten die zweite Verschiebung sowie Erleichterungen bei den Anforderungen.
“Die Verschiebung und Vereinfachung der EUDR wird nicht wirklich aus Rücksicht auf die Interessen der Produzentenländer im Globalen Süden vorangetrieben, sondern vielmehr durch Agrarlobbys innerhalb der EU und in geringerem Maße durch die Vereinigten Staaten”, sagt Jonathan Zeitlin, EU-Experte und emeritierter Professor der Universität Amsterdam. Befürworter der Verschiebung argumentieren, dass betroffenen Landwirten mehr Zeit für die Einhaltung der Dokumentationspflichten eingeräumt werde.
Die EUDR betrifft Äthiopiens wichtigstes Exportgut: Kaffee. Mehr als die Hälfte der äthiopischen Exporterlöse geht auf Kaffee zurück; ein Drittel der Kaffeeausfuhren landet in der Europäischen Union. Durch den Kaffeeexport gelangt Äthiopien an Devisen, also ausländische Währungen wie den Euro. Sie sind wichtig, um etwa Treibstoff und technische Geräte zu bezahlen. Eine Verringerung der Kaffeeexporte könnte daher weitreichende Folgen haben.
In Äthiopien wird fast ausschließlich die Kaffeesorte Arabica angebaut. Diese ist empfindlich gegenüber intensiver Sonneneinstrahlung und wächst daher überwiegend in schattenspendenden Wäldern – oder wird gemeinsam mit großen Bäumen gepflanzt. Es ist daher zweifelhaft, ob äthiopischer Kaffee zu Entwaldung beiträgt.
Hinzu kommen logistische Herausforderungen: 95 Prozent des äthiopischen Kaffees wächst auf kleinen Plantagen von meist weniger als einem halben Hektar Fläche. Die fünf Millionen Kleinbauern- und -bäuerinnen müssen die Standortdaten aller Kaffeeplantagen übermitteln. Dabei besitzen sie oft nicht das dafür nötige Smartphone, können vielfach nicht lesen oder schreiben. Auf Großplantagen wie etwa in Brasilien ist die Umsetzung der EUDR-Dokumentation einfacher.
Agrarwissenschaftler Addis Alemayehu Tassew vom Southwest Ethiopia Agricultural Research Institute bezweifelt, dass die Standortdaten der äthiopischen Kaffeeplantagen rechtzeitig an die EU übermittelt werden können. Die Landwirte könnten daher weniger Abnehmer finden. Laut einer Studie der britischen Denkfabrik ODI könnte ein Ausbleiben von Kaffeeexporten in die EU das Bruttoinlandsprodukt um 0,6 Prozent senken. Expertinnen und Vertreter der äthiopischen Kaffeebranche gehen davon aus, dass sich diese Exporte auf andere Märkte verschieben könnte, vor allem nach Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und China.
Weltweit bleiben Studien zufolge nur etwa 10 bis 25 Prozent der Wertschöpfungskette von Kaffee im Herkunftsland. Die Macht im Kaffeegeschäft konzentriert sich auf wenige internationale Konzerne beim Rösten und im Einzelhandel. Das Rösten, einer der profitabelsten Teile der Wertschöpfung, findet überwiegend in Europa und den USA statt. Röstereien der deutschen Unternehmen Tchibo, Melitta, Dallmayr und Darboven gehören zu den größten der Welt.
Deutschland führt monatlich äthiopischen Kaffee im Wert von etwa 40 Millionen Euro ein und ist damit der weltweit größte Abnehmer. Dennoch macht der äthiopische Kaffee nur gut drei Prozent des Imports aus. Brasilien und Vietnam sind mit ihren Großplantagen die Hauptproduzenten mit 41 bzw. 16 Prozent Anteil am Kaffeeimport. Äthiopien belegte 2024 Platz acht.
Dennoch stammt ein großer Teil des Kaffees in Deutschland von Kleinbauern aus verschiedenen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens. Kleinbauern produzieren weltweit mehr als 60 Prozent des Kaffees. Noch ist unklar, wie viele von ihnen den neuen Dokumentationspflichten nachkommen können. Mit Inkrafttreten der Verordnung sind daher steigende Kaffeepreise in Deutschland möglich.