„Prüfet alles, das Gute aber behaltet“ – wenn Sigrid Graumann an die Jahreslosung denkt, dann fällt ihr der Umgang mit der Corona-Pandemie ein. Die Jahreslosung fordert dazu auf, Dinge zu hinterfragen. Entscheidungen, Haltungen, Ansichten. „Das passt einfach sehr gut auf die Krisenerfahrungen“, sagt die Rektorin der Evangelischen Hochschule Bochum. Alles prüfen und das Gute behalten – genau das sollte bei der dringend notwendigen Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen getan werden.
Bei den Forderungen, die Corona-Politik aufzuarbeiten, sei bisher „zu viel Schwarz-Weiß-Denken“ im Spiel. Die Jahreslosung mahnt, differenzierter vorzugehen. „Die Kontaktbeschränkungen, die Maskenpflicht, die Schulschließungen oder das Impfprogramm waren nicht einfach entweder gut oder schlecht“, so Graumann. Ohne die Schutzmaßnahmen hätte sich das Virus ungehindert ausgebreitet und unser Gesundheitswesen zum Zusammenbruch gebracht. „Allerdings“, betont Graumann, „waren sowohl die Belastungen durch die Schutzmaßnahmen als auch die Infektionsrisiken und die Risiken schwerer Krankheitsverläufe sehr unterschiedlich verteilt.“
Corona-Politik: Sozial Benachteiligte waren besonders betroffen
Es zeige sich heute ganz klar, dass Dinge, die gut gemeint waren, nicht immer gut gewesen sind. Graumann: „Besonders hart von der Corona-Politik waren diejenigen betroffen, die ohnehin sozial benachteiligt sind. Da hätten wir besser gegensteuern müssen.“ Sigrid Graumann war während der Pandemie mittendrin im Geschehen und hat sich sehr stark mit den ethischen Anforderungen und Konsequenzen beschäftigt. Von 2016 bis 2024 war sie Mitglied im Deutschen Ethikrat, und als die Pandemie das Land überrollte, war sie von Anfang an in der Arbeitsgruppe, die sich mit der Pandemie beschäftigt, sie begleitet hat.Zur Corona-Pandemie gibt es keine einfachen Antworten
„Wir haben in der Zeit ab 2020 eine relativ beachtliche Zahl an Empfehlungen und Stellungnahmen herausgegeben“, betont Graumann. „Anfangs wussten wir noch sehr wenig über das neue Virus, die Erkrankung und die Wirkung der Schutzmaßnahmen. Mit zunehmendem Wissen haben wir unsere Einschätzungen ständig verändert und nachjustiert. So konnten wir im Frühjahr 2022 eine Gesamtauswertung vorlegen, die allerdings wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine viel zu wenig öffentlich beachtet wurde.“ Der Deutsche Ethikrat beschäftigt sich mit ethischen und gesellschaftlichen Fragen und deren Folgen für Individuum und Gesellschaft. Er soll die Öffentlichkeit informieren und Empfehlungen geben, sagen was „gut“ und richtig ist. Doch was heißt denn „gut“?„Gut ist, allgemein gesagt, was für alle gleichermaßen gut ist“, sagt Sigrid Graumann. „Dabei kann es sein, dass etwas für eine Person oder Personengruppe gut ist, für andere aber nicht. Dann müssen unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten Abwägungen getroffen werden.“ Dabei sei die gerechte Berücksichtigung aller gefordert – gerade auch schwächerer und benachteiligter Menschen. Das könne bisweilen sehr komplexe Abwägungen erforderlich machen. „Die Frage mag einfach klingen, einfache Antworten darauf sind jedenfalls nicht zu erwarten“, so Graumann. „Bei den Schulschließungen während der Pandemie sieht man heute vor allem die Langzeitfolgen. Die Kontaktbeschränkungen haben junge Menschen stark beeinträchtigt, viele leiden bis heute unter den Folgen. Aber gerade in der ersten Phase der Pandemie waren die Schul- und Hochschulschließungen schlicht unverzichtbar, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen“, betont Graumann. In diesem Sinne waren die Schutzmaßnahmen gut. Das Gesundheitswesen vor einem Zusammenbruch zu bewahren, habe zu Recht oberste Priorität gehabt. Gleichzeitig seien die meisten Krankheitsverläufe bei jungen Menschen nicht so schwer. „Sie wurden zu Solidarität mit anderen Bevölkerungsgruppen, insbesondere mit älteren und kranken Menschen, in die Pflicht genommen.“ Auch wenn die Schulschließungen richtig waren, gerecht waren sie zumindest so pauschal nicht. Die Betroffenheit bei den Kindern und Jugendlichen war sehr unterschiedlich und zum Teil gravierend – je nachdem wie die Bedingungen und Voraussetzungen zu Hause waren. „Bestehende Benachteiligungen wurden verstärkt. Zum Beispiel Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen, Kinder und Jugendliche, die in Flüchtlingsunterkünften gelebt haben und keinen Zugang zum Internet hatten, waren zum Teil über lange Zeit völlig von Bildung ausgeschlossen“, so Graumann. Das müsse man erkennen und daraus für die Zukunft Konsequenzen ziehen.Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

