Regionalbischöfin Petra Bahr bei Online-Symposium

Warum entwidmete Kirchen auch Chancen bergen

Ein evangelisches Gotteshaus als Wohnheim – oder sogar als Moschee? Eine Talkrunde in Hannover beschäftigt sich mit der Frage, wie man Kirchenräume neu erfinden kann.

Die ehemalige evangelische Gerhard-Uhlhorn-Kirche ist zu einem Wohnheim umgebaut worden

Hannover/Ludwigsburg. Neue Nutzungen von Kirchen können aus Sicht der Regionalbischöfin Petra Bahr aus Hannover auch eine Chance sein. „Kirchenräume haben sich immer verändert und wurden immer neu erfunden“, sagte die frühere Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in einer von Hannover aus organisierten Online-Talkrunde der Volkswagenstiftung und des NDR. „Das ist nicht nur eine Geschichte des Zerfalls, sondern auch ein Gestaltungsspielraum, der sich öffnet – bei aller Trauer, die damit verbunden ist.“

Die Talkrunde unter dem Motto „Vom Gotteshaus zur Sparkasse?“ war Teil eines internationalen Online-Symposiums zur Umnutzung von Kirchengebäuden, an dem Experten aus zahlreichen europäischen Ländern teilnahmen. Europaweit müssen immer mehr Gemeinden ihre Kirchen als sakrales Gebäude aufgeben, anders nutzen oder verkaufen, weil ihre Mitgliederzahlen und finanziellen Ressourcen zurückgehen.

Besondere Gottesräume

Entscheidend sei, ob bei der Nachnutzung einer Kirche die Botschaft erkennbar bleibe, die mit diesen „besonderen Gottesräumen“ verbunden sei, sagte Bahr. „Es gibt durchaus Modelle, wo der Sinn dieser Kirche sehr gut erfüllt ist, obwohl die Kirchen gar nicht mehr Trägerin oder Besitzerin des Gebäudes ist.“ Deshalb habe sie nicht automatisch Probleme damit, dass eine Kirche etwa in ein Restaurant verwandelt werde. Es gehe um die Art des Umbaus.

Petra Bahr Foto: Jens Schulze / epd

Gut gelingen könne der Übergang etwa bei karitativen oder kulturellen Nachnutzungen, sagte die Theologin. Positiv bewertete sie auch die Umgestaltung einer Kirche zu einem Studentenwohnheim in Hannover. Bahr befürwortete zudem den Umbau von Kirchen zu Synagogen. Dies erinnere daran, dass das Christentum einst aus dem Judentum hervorgegangen sei. Skeptischer beurteilte sie den Umbau von Kirchen zu Moscheen. Dies werde in der Öffentlichkeit keine Mehrheit finden und sei von vielen Muslimen auch nicht gewünscht. In Hamburg ist die ehemalige Kapernaumkirche zu einer Moschee geworden.

Der stellvertretende Geschäftsführer der Wüstenrot-Stiftung in Ludwigsburg, Stefan Krämer, warnte davor, neue Nutzungen in Kirchen hineinzubringen, die im Kontrast oder sogar im Konflikt mit ihrem Ursprungszweck stünden. Beim Umbau dürfe nicht alles herausgenommen werden, was sie zu einem speziellen Ort gemacht hätten. „Wir müssen auf verschiedenen Ebenen darüber nachdenken, wie wir diese Kirchen in eine veränderte Gesellschaft transferieren können und sie trotzdem nicht zu Allerweltsgebäuden werden“, betonte Krämer. Gleichwohl ließen sich die „nicht so geliebten Nutzungen“ nicht immer vermeiden.

Nachhaltigkeit zählt

Der Architektur-Professor Tim Rieniets von der Leibniz-Universität Hannover sagte, das Umbauen bestehender Gebäude werde aus Gründen der Nachhaltigkeit eine wichtige Zukunftsaufgabe für Architekten sein. Nirgendwo werde dies besser und anspruchsvoller deutlich als an Kirchen: „Da geht es nicht nur darum, Steine wiederzuverwenden, sondern es geht um ein Kulturgut, um Emotionen, die in diesen Gebäuden gespeichert sind. Es gibt keinen anderen Bautypus, der den Reichtum unserer Baugeschichte so vielfältig repräsentiert wie Kirchenbauwerke.“ (epd)

Info
Die Talkrunde „Vom Gotteshaus zur Sparkasse? Kirchenumnutzung in Deutschland“ ist am Sonntag, 21. Februar, um 20.05 Uhr im Radio auf NDR Kultur zu hören.

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