Warum ein Theologe das „Ende der Kanzelpredigt“ fordert

Mehr soziale Nähe und ein Austausch auf Augenhöhe – das wünscht sich Georg Lämmlin, Leiter des Sozialwisshenschaftlichen EKD-Instituts, von Geistlichen in Gemeinden. Deshalb hat er einen Vorschlag.

Hannover. Angesichts sinkender Mitgliederzahlen und dem Vertrauensverlust in die christlichen Kirchen plädiert der Kirchensoziologe Georg Lämmlin für innovative Beteiligungsformate, mehr soziale Nähe und einen Austausch auf Augenhöhe. Die religiöse Kommunikation müsse „von der Kanzel herunter“ in die Mitte des gesellschaftlichen Dialogs, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Menschen seien nicht nur Empfänger einer Botschaft, sondern müssten ihre eigene Sprache für ihr Gottesbedürfnis finden. Insgesamt stehe die Kirche vor komplizierten Veränderungen. Lämmlin ist Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Das „Ende der Kanzelpredigt“ bringe für das Selbstverständnis der Pfarrerinnen und Pfarrer einen erheblichen Wandel mit sich – weg von einer Verkündigung „von oben herab“ hin zum „Ermöglichen religiöser Kommunikation“, sagte der Theologe. Das Amt des Pfarrers ordne sich dann gleichberechtigt neben pädagogische, psychologische, soziale Berufe ein, die allesamt eines gemeinsam hätten: den Menschen zur freien Selbstgestaltung ihres Lebens zu ermächtigen.

Mit der Kirche identifizieren

Beteiligung, Engagement und Interaktion lösen Lämmlin zufolge bei den Menschen ein Gefühl von Selbstwirksamkeit aus. Insofern sei dieser Dreiklang eine Art „Zauberformel“, damit sich die Menschen wieder mit der Institution Kirche identifizieren und ihr vertrauen könnten.

Georg Lämmlin Foto: Jens Schulze / epd
Georg Lämmlin Foto: Jens Schulze / epdJens Schulze

„Weniger formelle Abendmahlsliturgie – mehr gemeinsames Essen“, sagte er. Interaktionen dieser Art können Räume öffnen, in denen zum Beispiel die Erschütterung des Sicherheitsgefühls durch den Ukrainekrieg reflektiert werden könnten, ohne das Gefühl durch Friedensbeschwichtigungen kleinzureden.


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Mit ihren Werten, personellen und räumlichen Kapazitäten böten Kirchen ideale Bedingungen für zivilgesellschaftliches Engagement. Wichtig sei es, dass sich Kirchen dieser sozialen Ressourcen bewusst werden. Ob es darum gehe, kontroverse Debatten zu moderieren oder Plattformen für Nachbarschaftsinitiativen bereitzustellen: „In den Kirchen schlummert ein Reichtum an sozialer Teilhabe und Sinngebung, die neu in die Gesellschaft eingespielt werden kann.“ (epd)