Alles begann mit der Idee eines Mitarbeiters im Berliner Fremdenverkehrsamt. Jedes Jahr aufs Neue beobachtete Hans-Jürgen von Hake, wie eine Heerschar von Landwirten und Jägern in langen, grünen Lodenmänteln zu Ausstellungen quer durch die Hauptstadt zog. Sie alle besuchten ab dem Ende des 19. Jahrhunderts die Wintertagungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft und trieben an Ständen, die sich über die ganze Stadt verteilten, mitunter wilden Handel. Diesem Chaos wollte von Hake Einhalt gebieten – die Idee zur Grünen Woche, die am 16. Januar wieder ihre Pforten öffnet, war geboren.
Grüne Woche feiert 100 Jahre landwirtschaftliche Tradition
Vor 100 Jahren, im Jahr 1926, wollte von Hake die Wintertagung mit einer landwirtschaftlichen Ausstellung am Berliner Kaiserdamm verbinden. Damit sollte der Handel in eine geordnete Form gebracht werden. Mit Erfolg: Im ersten Jahr wurden auf einer Ausstellungsfläche von 7.000 Quadratmetern 50.000 Besucher gezählt. Seitdem hat sich die Grüne Woche, deren Name wohl durch eben jene grüne Lodenmäntel inspiriert ist, zu einer festen Größe in der Branche entwickelt. Nach Angaben der Grünen Woche zählte sie vergangenes Jahr 310.000 Gäste auf 119.000 Quadratmetern Fläche, sie gilt als weltweit größte Messe für Landwirtschaft.
Auf dem Weg zu dieser Größe durchlebte die Grüne Woche viele Wandlungen. So wurde die Messe nur kurz nach ihrer Gründung durch die Nationalsozialisten für propagandistische Zwecke vereinnahmt. “Blut und Boden”-Ideologien bestimmten fortan die Inhalte der Ausstellungen, Landwirtschaft wurde idealisiert und mit rassistischen und antisemitischen Ideen verknüpft. 1938 fiel die Grüne Woche dann der Maul- und Klauenseuche zum Opfer, nach der vorerst letzten Messe ein Jahr später kam der Krieg.

Es dauerte beinahe ein Jahrzehnt, bis die Grüne Woche zu neuem Leben erwacht ist. 1948 feierte die Messe ihr Comeback, stand aber im damals besetzten Deutschland vor großen Herausforderungen: Die Westsektoren Berlins litten unter der Blockade aller Zufahrtswege durch die Sowjetunion, der Strom lief nur von 9 bis 11 und 23 bis 1 Uhr. Von der Luftbrücke, also den Lieferungen von amerikanischen und britischen Flugzeugen, profitierte zwar auch die Grüne Woche. Doch trotzdem waren viele Schinken und Würste schlicht aus Pappe.
Grüne Woche: Internationale Aussteller prägen die Messe seit 1951
Das sollte sich in den Folgejahren ändern. Das Wirtschaftswunder kurbelte die Messe an, mit den Niederlanden trat 1951 der erste internationale Aussteller auf. 1965 war ein “American Diner” bei der Messe das selbsternannte erste Fast-Food-Restaurant in Europa, 1967 brachte Großbritannien einen Pub nach Berlin und in den 1970er Jahren fand immer mehr Technik Einzug in die Ausstellungshallen. Im geteilten Deutschland galt die Messe als Schaufenster des Westens.
Nach der Wiedervereinigung wuchs die Grüne Woche weiter. Durch den 1999 abgeschlossenen Erweiterungsbau des Messegeländes wurde ein Spezialbereich zum Thema Tierzucht eingerichtet. Später ergänzten immer mehr Themenfelder zu Klimaschutz und -wandel das Programm.
Die Besorgnis um Klimaschutz und Tierwohl wurde bei den Grünen Wochen aber vor allem vor dem Ausstellungsgelände deutlich. 2013 etwa protestierten knapp 25.000 Menschen gegen Massentierhaltung und den Einsatz von Antibiotika bei Masttieren. Der damalige Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz, Hubert Weiger, sagte auf der Abschlusskundgebung: “Hinter dem schönen Schein der Messestände verbirgt sich millionenfaches Tierleid.”
Grüne Woche: Protest für umweltgerechte Landwirtschaft geplant
Auch in diesem Jahr ist eine Demonstration geplant – das Bündnis “Wir haben es satt!” spricht sich zu Beginn der Messe für eine umwelt- und tiergerechte Landwirtschaft aus. Der Zusammenschluss aus etwa 60 Organisationen kritisiert dabei unter anderem Gentechnik und Pestizide.

Neben den Protesten finden sich bei der Grünen Woche aber auch etwaige Kuriositäten. 2017 hat Sachsen-Anhalt mit einem “Luther-Kuchen” und einer “Reformationssalami” an 500 Jahre Reformation erinnert, ein Jahr später feierten Zisterziensermönche die Wiederbesiedlung des brandenburgischen Klosters Neuzelle mit ihrem Schwarzbier “Schwarzer Abt”. Mal wurde Pizza aus Hanf gebacken, mal Eis mit Heuschrecken zubereitet. Ob das schmeckt? Diese Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten.
