Und während der Predigt klingelt das Handy

Lautes Telefon, kurzer Rock: Die Liste der Fettnäpfchen beim Kirchenbesuch ist lang. Der emeritierte Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs kennte eine ganze Liste von Peinlichkeiten.

Evangelische Stadtkirche St. Georgen, Glauchau, Sachsen.  Schild am Eingang mit der Bitte, die Handys in der Kirche auszuschalten.
Evangelische Stadtkirche St. Georgen, Glauchau, Sachsen. Schild am Eingang mit der Bitte, die Handys in der Kirche auszuschalten.© epd-bild / Rainer Oettel

Hildesheim. Das während der Predigt bimmelnde Handy, der kurze Rock, der laute Plausch zwischen zwei Sitznachbarn: Die Liste an Fettnäpfchen beim Kirchenbesuch ist lang. Der emeritierte Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs hat nun eine „Kleine Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche“ geschrieben. Dabei hat der Professor, der in Hildesheim sein privates Institut für Liturgie- und Alltagskultur betreibt, auch einiges Kurioses herausgefunden – beispielsweise, warum man einen „Hundepeitscher“ benötigte.

Herr Fuchs, wann haben Sie sich zuletzt in einer Kirche schlecht benommen?
Fuchs: Das ist ja mal eine Frage! Wenn man nach dem Benehmen anderer schaut, übersieht man vor lauter Splittern womöglich den Balken im eigenen Auge… Also, eines gravierenden Fehlverhaltens im Sinne einer Störung anderer oder Danebenbenehmens kann ich mich nicht erinnern. Aber Verhalten ist ja auch ein Spiegel der inneren Haltung und Einstellung beim Gottesdienst. Und da kann es schon mal fehlen.

Welche Formen von Fehlverhalten beschreiben Sie in Ihrem Buch beispielsweise?
Es ist ja tatsächlich eher eine Phänomenologie als eine Geschichte. Das reicht vom unzeitigen Kommen und Gehen über das Schlafen, das laute Schwätzen und Stören, das Mitbringen von Tieren und deren Verunreinigungen, Essen, Trinken, Rauchen oder die unpassende Kleidung bis hin zu politisch motivierten Störungen. Es gab in der Geschichte nichts, was es nicht gibt. Vieles ist in diesem Zusammenhang nicht nur zum Kopfschütteln, sondern manches auch zum Schmunzeln!

Wie hat sich die Einschätzung, was schlechtes Benehmen ist, im Laufe der Zeit verändert?
Es hat sich natürlich vieles verändert. Manches, was früher offensichtlich ein Problem war, gibt es heute kaum noch – der „Kirchenschlaf“ beispielsweise, der sogar als Begriff in Lexika auftauchte. Auf der anderen Seite hätten mit der heute üblichen Bekleidung manche noch vor hundert Jahren nicht zur Kommunion gehen dürfen. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts wurden Kautabak-Kauer beispielsweise gebeten, in der Kirche nicht auszuspucken. Heute sind es andere Störungen, etwa das Benutzen des Handys oder das Fotografieren mit einem Smartphone.

Der Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs Foto: Privat
Der Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs Foto: Privatepd

Wer trägt die Verantwortung für solches Fehlverhalten?
Verantwortlich für das Benehmen ist nun mal jeder und jede selbst. Darum wurde das ja auch in den Kirchenordnungen, Predigten oder Katechismen immer wieder thematisiert, sogar in den Beichtspiegeln gefragt. Aber frühere gottesdienstliche Situationen konnten das Verhalten durchaus auch negativ beeinflussen. Man denke daran, dass katholischerseits die Liturgie jahrhundertelang auf Latein gefeiert wurde, was eine „tätige Teilnahme“ sicher nicht erleichterte. Der Priester zelebrierte mit dem Rücken zum Volk, hatte es nicht im Blick. Kirchen waren als die meist größten Gebäude einer Stadt auch „Kommunikationszentren“, Orte, an denen gebettelt wurde oder Geschäfte getätigt wurden.

Wann waren die Menschen nach Ihrer Einschätzung „ungehöriger“ – früher oder heute?
Das ist schwer zu sagen. Klagen über unangemessenes Verhalten gab es von Anfang an, auch das Mittelalter hindurch, wobei sie oft schwere Entgleisungen aufgreifen. Allerdings dürfen wir nicht heutige Maßstäbe ansetzen. Und es kommt leider auch heute vor, dass Menschen in der Kirche ihre Notdurft verrichten oder dass aggressiv in der Kirche gebettelt wird.

Ist das Thema vor allem ein deutsches „Problem“? In orthodoxen Gottesdiensten herrscht ja von Natur aus ein Kommen und Gehen…
Den Eindruck kann man vielleicht manchmal haben, aber auch in orthodoxen Gemeinden ist so ein Verhalten nicht vorgesehen. Auch schon die großen griechischen Prediger des Altertums haben das kritisiert. In der katholischen Kirche wird die Liturgie als gemeinsames Tun der ganzen Gemeinde verstanden – es ist also nicht das Ritual der Liturgen, an dem man mal mehr oder weniger teilnimmt. Vielleicht ist das auch eine Mentalitätsfrage. Bei uns ist der Gottesdienst – katholisch wie evangelisch – oft sehr „akademisch“, verkopft, in südlicheren Ländern hingegen stärker von Emotion geprägt.

Viele Kirchen gleichen ja einem Schilderwald: Kein Eis, kein Handy, nicht sprechen und so weiter… Hilft so etwas wirklich?
Ja, das ist in der Tat schon manchmal viel. Man stelle sich das in einem Opernhaus vor! Das ist auch ein neuzeitliches Phänomen. Früher gab es hin und wieder mal einen Hinweis wie „Bedenke, was die Kirche ist / und in der Kirche, wo du bist“. Dafür wurde auch direkter bei Störungen eingegriffen.

Was hat man gegen dieses schlechte Benehmen zu verschiedenen Zeiten unternommen?
Es gab von Anfang an verschiedene Dienste im Gottesdienst, die ein Auge auf das Verhalten der Gläubigen hatten, die Diakone vor allem, die „Türhüter“ (Ostiarier), die „Kirchenschweizer“, die es heute noch in größeren Kirchen gibt, aber auch die Küster. Teilweise gab es spezielle Dienste wie „Hundepeitscher“, die dafür zu sorgen hatten, dass die Vierbeiner draußen blieben. Man griff bei manchen Vorkommnissen gleich ein, was heute oft undenkbar wäre. Etwa dass, wenn zwei Buben miteinander schwätzen, ein Erwachsener kommt und ihnen eine Watschn gibt. Aber auch, dass man Zuspätkommende erst nach der Predigt einlässt und in den Fürbitten öffentlich für sie um Besserung betet, wie es eine Kirchenordnung aus dem 5. Jahrhundert vorsieht, wäre heute wohl nicht möglich. (epd)

Buch-Tipp
Guido Fuchs : Kleine Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche
Verlag Friedrich Pustet 2021, 184 Seiten, 19,95 Euro

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