Tragikomödie “Jay Kelly”: Selbstverliebter Star am Abgrund

Von Clooney bis Sandler: Jede Menge Starpower aus Hollywood

Ein alternder US-Filmstar, der in seinem Leben andere oft ausgenutzt hat, wird auf einer Reise durch Europa mit Fragen konfrontiert, die seine berufliche wie private Identität infrage stellen.

"One more shot", noch eine Klappe. Darum bittet der Hollywoodstar Jay Kelly (George Clooney) am Filmset immer und immer wieder. Bittet er, oder befiehlt er? Seinem Wunsch wird jedenfalls immer Folge geleistet.

Seit Jahrzehnten ist der Schauspieler ein gefeierter Star, der beruflich alles erreicht hat. Doch als sein alter Mentor Peter Schneider (Jim Broadbent) stirbt, muss auch er sich der Frage stellen: Gibt es im echten Leben auch die Chance auf "one more shot", einen weiteren Versuch?

Auf der Beerdigung trifft er seinen besten Freund aus Studientagen wieder. Bei einem Drink macht Tim (Billy Crudup) ihm bald schwere Vorwürfe. Er habe ihm damals nicht nur die Rolle geklaut, die Jay dann zum Durchbruch verhalf, sondern überdies auch seine Freundin. Jay reagiert wie immer: Er lächelt halb charmant, halb peinlich berührt. Das Treffen endet in einem Faustkampf auf dem Parkplatz des Diners.

Auch zu Hause laufen die Dinge nicht rund. Die jüngste Tochter des geschiedenen Filmstars wird flügge. Bevor Daisy (Grace Edwards) aufs College geht, möchte sie nach Europa reisen, und keine Zeit mehr mit ihrem Daddy verbringen. Die ältere Tochter verweigert sogar komplett den Kontakt. Doch Kelly will sich Daisys Entscheidung nicht fügen. Deshalb schwänzt er seinen nächsten Dreh und fliegt der Tochter hinterher.

Das geht aber nicht ohne seinen ganzen Tross: seinen treuen Manager Ron (Adam Sandler), seine PR-Agentin Liz (Laura Dern), die Visagistin und viele andere. Alles dreht sich immer nur um Jay Kelly. Ständig müssen Ron und Liz etwas organisieren und es ihrem Star recht machen. Jahrzehnte der De-facto-Dienerschaft lassen ihre Loyalität zunehmend bröckeln. Auch hier stehen die Zeichen auf Absprung.

"Es ist so schwer, man selbst zu sein", lautet Jays treffende Selbstanalyse. Ständig spielt er eine Rolle, bis hin zum Selbstverlust. Bei seinem Publikum ist er der strahlende Held, in seiner Entourage der Kommandeur, und sogar privat kann er kaum abschalten. So steht Jay im letzten Drittel seines Lebens vor einem privaten Abgrund. Sein Lebensfundament aus Charme, Autorität und Erfolg wird brüchig - und hinter dem Star zeichnet sich ein Mensch ab, der auf einmal sehr allein dasteht.

Das klingt nach Klischee. Das Schicksal von Heldinnen und Helden, deren Erfolg in Selbstzerstörung und Einsamkeit endet, hat das Kino zur Genüge durchdekliniert. Doch Regisseur Noah Baumbach behandelt das Sujet anders. Da ist der beschwingte und dann wieder melancholische Ton, der sich jeder Weinerlichkeit entzieht. Wie oft in seinen Filmen gibt es viel Tempo, (alb-)traumhafte Übertreibungen und eine große Portion Humor.

Baumbach, der das Drehbuch zusammen mit Emily Mortimer geschrieben hat, geht es mehr um die Charakterzeichnung als um den überschaubaren Plot. Die finale Katharsis des Protagonisten verlangt eine ausgedehnte und chaotische Eskalation. Im Zug nach Italien flüchtet Jay in eine Toilette, schaut sich im Spiegel an und fragt sich, wer er eigentlich sei.

Doch wer scheint da eigentlich im Film im Film? Ist es Jay Kelly oder George Clooney? Doch wohl beide. Denn ohne den Star Clooney würde die Kunstfigur Jay Kelly nicht funktionieren. Nur einem vom charmanten George Clooney gespielten Helden nimmt man die Ambivalenz seiner Figur ab. Nur ihm will man kaum glauben, wie schäbig er sich seinen Mitmenschen gegenüber verhalten hat. So spielt Clooney zwar eine Rolle und das auch außerordentlich gut. Doch seine Aura tut das Übrige, um Jay Kelly glaubhaft zu machen.

Dass Kelly sich den Folgen für sein Tun jetzt stellen muss, wird allerdings nicht moralisiert, sondern als logische Konsequenz und mit einer Prise Melancholie aufgefächert. Rückblenden zeigen einen jungen Kelly, der schon früh alles auf die Erfolgskarte setzte. Ein vergnüglicher Gastauftritt von Lars Eidinger, der im Abspann lapidar "German Cyclist" genannt wird, dürfte vor allem ein deutsches Publikum erfreuen.

Daneben offenbart der Film allerdings noch einen weiteren, weniger offensichtlichen Helden: den Sidekick, der seinem Chef heimlich die Show stiehlt - Adam Sandler. Der Komiker, der sich im Lauf seiner Karriere sehr überzeugend zum Charakterdarsteller mauserte, fungiert hier als trauriger Clown. Stets hat er seinem Chef beruflich wie privat den Rücken freigehalten, ihn motiviert. Doch Jay hat Rons Loyalität nie zu schätzen gewusst - was ihm erst bewusst wird, als es zu spät ist.

So erweist sich "Jay Kelly" als ein Film über die Oberflächlichkeiten des Showbusiness, aber auch über private Abhängigkeiten und Illusionen. Die Charakterstudie ist aber auch ein Spiel mit Gerüchten und Legenden. Ein Running Gag besteht darin, dass für Jay überall ein Käsekuchen bereitsteht, sei es am Set, bei Terminen oder im Hotel. Dabei mag Jay überhaupt keinen Käsekuchen - bis er schließlich doch einmal hineinbeißt und ihn gar nicht so übel findet.

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