Suizid-Hinterbliebene bleiben oft allein – Familien gezielt helfen

Scham, Stigmatisierung, Schweigen: Wenn jemand durch Suizid stirbt, leiden Hinterbliebene oft doppelt. Fachleute zeigen, wie sehr Familien und auch jüngere Menschen kämpfen - und fordern Gegenmaßnahmen.

Eltern, die ein Kind durch Suizid verloren haben, brauchen spezielle Unterstützung: Das fordert die Sozialpsychiaterin Nathalie Oexle. Sie leitet die DE-LOSS-Studie der Universität Ulm, die den Umgang mit Suiziden untersucht. Auch jüngere Menschen bräuchten oft gezielte Hilfe, weil sie sich nach solch einem Verlust oft nicht ernstgenommen fühlten, sagte Oexle am Freitag bei einer Veranstaltung zu sozialer Unterstützung nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen durch Suizid.

Besonders wichtig sei professionelle Unterstützung, wenn Hinterbliebene unter Schuld- und Schamgefühlen litten, sagte Julia Wöhrle, die ebenfalls zur Arbeitsgruppe Suizidprävention der Universität gehört. Darüber hinaus sei soziale Unterstützung gefragt. Dafür müsse die Gesellschaft insgesamt sensibilisiert werden.

Das Forschungsteam hat laut eigenen Angaben in zwei Teilprojekten einerseits qualitative Interviews mit Suizid-Hinterbliebenen geführt; andererseits fand eine Online-Befragung unter über 500 Betroffenen statt. Darin gaben 47 Prozent an, dass sie sich öfter so gefühlt hätten, als würde ihnen niemand zuhören; ein Viertel (25 Prozent) fühlte sich häufig so. Öfter schuldig fühlten sich demnach 40 Prozent, 39 Prozent sehr häufig. 69 Prozent stimmten der Aussage zu: "Nach einem Verlust durch Suizid ist es das Beste, seine Gedanken für sich zu behalten."

Zudem zeigte die Befragung, dass die Unterstützung mit der Zeit nachlasse: In der ersten Woche nach einem solchen Verlust fühlte sich noch über die Hälfte der Befragten unterstützt, nach einem Jahr war es nur noch etwa ein Drittel.

Soziale Unterstützung reduziere die Trauerbelastung merklich, sagte Oexle. Insofern sei es problematisch, dass diese gerade nach Suiziden oft ausbleibe. Die Familie könne in solch einem Fall einerseits eine wichtige Ressource sein, aber auch eine Quelle von Spannungen: So berichteten manche Betroffene von neuer Nähe, andere von Kontaktabbrüchen.

Auch sorgten sich Menschen, deren Partnerin oder Partner sich selbst getötet hat, wenn beispielsweise die Kinder das Thema vermieden oder seien unsicher, inwieweit dies gesunder Selbstschutz sei, berichtete die Forscherin. Wenn Erwachsene eine Fassade von Normalität aufrechthielten, werde dies oft mit gemischten Gefühlen erlebt - einerseits als Stabilisierung, andererseits so, dass wenig Raum für eigene Emotionen bestehe.

Zuletzt war die Suizidrate in Deutschland angestiegen: Im vergangenen Jahr kamen 10.372 Menschen auf diese Weise ums Leben. Das sind mehr als durch Unfälle, Aids, illegale Drogen und Gewalttaten zusammen. "Aufgrund der Tabuisierung würde man die Zahlen genau andersherum erwarten", sagte Oexle. Eine einfache Lösung für alle Hinterbliebenen dieser Fälle gebe es nicht - um so wichtiger sei es, wiederholt möglichst konkrete Hilfe anzubieten, zu der es einen einfachen Zugang gebe.

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